Daniel Thioune über seine Zeit bei Werder Bremen und den Kampf gegen Rassismus
Daniel Thioune spricht im Interview mit der DeichStube über die herausfordernde Saison des SV Werder Bremen, seine Zukunftspläne und persönliche Erfahrungen mit Rassismus.
Bremen – Bevor Daniel Thioune in die Sommerpause geht, stehen noch einige Aufgaben auf seiner Liste. Dazu gehört ein Interview-Termin mit der DeichStube sowie die intensive Planung für die kommende Saison beim SV Werder Bremen. Der 51-Jährige, der seit Februar als Cheftrainer agiert und den Verbleib in der Bundesliga sicherte, äußerte sich vor seinem anstehenden Urlaub zu verschiedenen Themen. Er sprach über die fehlende Qualität an der Weser, seine Vision für die Bremer Zukunft und seine hohen Erwartungen an Spieler wie Justin Njinmah und Cameron Puertas. Zudem reflektierte er über seinen steinigen Weg in die Bundesliga und den Umgang mit Rassismus im Alltag.
„Herr Thioune, Sie haben sich kürzlich die Uhrzeit „15.30 Uhr“ auf das Handgelenk tätowieren lassen, die für Ihren ersten Einsatz als Bundesliga-Cheftrainer steht. Wie wichtig ist dieser persönliche Meilenstein für Sie?“
„Sehr wichtig, denn damit habe ich etwas erreicht, das mir als Spieler verwehrt blieb: in der Bundesliga zu spielen. Die Möglichkeit, als Cheftrainer um 15.30 Uhr an der Seitenlinie zu stehen, ist etwas Besonderes. Als U19-Trainer in Osnabrück war die Wahrscheinlichkeit dafür jedoch gering. Ich musste geduldig sein. Zwischen meiner Ausbildung und diesem Moment mit Werder in Freiburg lagen fast zehn Jahre. Ich habe gelernt, jeden Schritt einzeln zu gehen. Wenn man Träume hat, muss man sie beschützen, was auch der Grund ist, warum ich die Geburtsorte meiner Kinder auf meinem Arm tätowiert habe.“
„Sie sprechen oft davon, Träume zu beschützen. Ein weiteres Ihrer Tattoos ist ein Zitat aus dem Film 'Das Streben nach Glück': 'Lass dir von niemandem sagen, dass du etwas nicht kannst.' Welche Bedeutung hat das für Sie?“
„Eine große. Ich habe diesen Filmausschnitt sogar in meiner Fußballlehrer-Ausbildung für meine Hausarbeit verwendet. Ich kann mich damit identifizieren. Im Leben ist mir vieles nicht einfach zugeflogen, ich musste hart arbeiten. Ich hatte das Privileg, in Osnabrück 25 neue deutsche Staatsbürger willkommen zu heißen und eine Rede zu halten, die sich um das Thema Träume drehte. Diese Menschen haben möglicherweise schwierigere Wege hinter sich als ich und sind trotzdem angekommen. Der Satz 'Lass dir von niemandem sagen, dass du etwas nicht kannst' ist mir oft begegnet.“
„Haben Sie Beispiele, in denen Sie in Ihren Träumen ausgebremst wurden?“
„Im Fußball gibt es ständig Selektionsprozesse. Man hört immer wieder: 'Deine Reise endet hier.' Das beginnt schon als Jugendspieler. Auch später als Trainer gab es Momente, in denen ich das Gefühl hatte, man traue mir den Sprung in die Bundesliga nicht mehr zu. Nach meiner Entlassung in Düsseldorf schien der Traum vorbei zu sein. Aber jetzt bin ich hier, nicht weil ich besondere Schuhe trage oder besonders witzig bin, sondern weil ich die Fähigkeit habe, Bundesliga-Trainer zu sein.“
„Sie sind nach Valérien Ismaël und Vincent Kompany erst der dritte dunkelhäutige Cheftrainer in der Bundesliga. Welche Bedeutung hat das für Sie?“
„Ich bin da ambivalent. Ich habe diesen Job nicht bekommen, um eine Quote zu erfüllen, sondern weil ich die Verantwortlichen bei Werder von meiner Arbeit überzeugt habe. Ich finde es beeindruckend, wenn jemand wie Vincent seine Stimme erhebt und auf wichtige Themen aufmerksam macht. Das habe ich auch in meiner Rede in Osnabrück getan und den Menschen gesagt, dass sie stolz auf ihre deutsche Staatsbürgerschaft sein können. Unsere Vergangenheit und die Erfahrungen unserer Eltern geben uns die Möglichkeit, für wichtige Themen einzustehen.“
„Sind Sie im Fußball jemals mit Rassismus konfrontiert worden?“
„Ja, definitiv. Nicht nur im Fußball, sondern auch im Alltag. Latenter Rassismus existiert leider weiterhin. Ich wurde einmal gefragt, was ich in der ersten Klasse der Bahn mache – nicht vom Schaffner, sondern von anderen Fahrgästen. Solche Erfahrungen mache ich auch heute noch, da viele Menschen in Klischees denken. Im Fußball habe ich Dinge erlebt, die man weder hören noch sehen möchte, besonders in der ehemaligen DDR. Wenn in Mecklenburg-Vorpommern 40 Prozent die AfD wählen, sitzen statistisch gesehen auch viele davon im Stadion. Das ist die Realität. Ich habe gelernt zu differenzieren, ob jemand mich persönlich beleidigen oder rassistisch anfeinden möchte. Für junge Spieler mit Migrationshintergrund ist das oft schwierig. Ich habe meinen Spielern gesagt, dass sie zu mir kommen sollen, wenn sie sich unwohl fühlen. Dann werde ich das klar ansprechen und Konsequenzen ziehen. Ich selbst habe Ende der 1990er-Jahre bei einem Aufstiegsspiel in Chemnitz Rassismus erlebt, der einfach nicht akzeptabel ist.“
„Ihr Vater stammt aus dem Senegal und war großer Werder-Fan. Wie stolz wäre er heute auf Sie?“
„Ich glaube, er wäre sehr stolz darauf, dass ich Werder-Trainer bin. Als mein Vater 2018 verstarb, war ich gerade Trainer in Osnabrück. Damals war nicht abzusehen, wohin mein Weg führen würde. Er würde sich riesig freuen, wenn er sehen könnte, wo ich heute bin. Und er könnte wahrscheinlich auch verkraften, dass ich einige Jahre zuvor beim HSV gearbeitet habe.“
„Kommen wir zur sportlichen Situation. Der Klassenerhalt ist gesichert, Ihre Zukunft ist somit geklärt. Wie sieht Ihr persönliches Leben in Bremen aus? Leben Sie noch im Hotel oder werden Sie sesshaft?“
„Sesshaft werden ist der Plan. Ich habe einige Besichtigungstermine. Bisher habe ich in einem Apartment-Hotel gewohnt, aber ehrlich gesagt brauchte ich den Ort nur zum Schlafen, da ich fast ausschließlich auf dem Trainingsgelände war. Die sportliche Situation war so herausfordernd, dass ich keine Zeit hatte, mich um eine Wohnung zu kümmern. Ich wusste auch nicht, ob ich in der kommenden Saison noch Werder-Trainer sein würde. Daher stand die Aufgabe im Vordergrund. An freien Tagen werde ich weiterhin in meiner Heimat Osnabrück sein, aber Bremen ist jetzt mein Zuhause. Bis zum Trainingsstart hoffe ich, mich hier so eingerichtet zu haben, dass es sich auch wirklich nach Zuhause anfühlt.“
„Ist geplant, dass Ihre Familie nach Bremen kommt oder bleibt die Basis in Osnabrück?“
„Meine Tochter ist 28, verheiratet und lebt schon lange nicht mehr zu Hause. Wenn ich ihr sage, sie soll nach Bremen kommen, würde sie wahrscheinlich lachen. Mein Sohn...“