Eintracht Frankfurt: Erinnerungen an Barcelona
Reporter Christopher Michel berichtet aus nächster Nähe über Eintracht Frankfurt und teilt seine Eindrücke von der Reise nach Barcelona in dieser Kolumne.
Frankfurt – Der 14. April 2022 liegt mittlerweile 1.336 Tage zurück. Wenn Eintracht Frankfurt am Dienstagabend beim FC Barcelona in der Champions League im Camp Nou antreten wird, werden die Erinnerungen an einen historischen Tag wieder lebendig. Das Rückspiel im Viertelfinale der Europa League hat für die Hessen vieles verändert. Doch der Reihe nach.
Die Eintracht reist mit einem 1:1 im Gepäck zu den Katalanen, und etwa 30.000 Anhänger sind mit dabei. In Barcelona wird an vielen Ecken hessisch gesprochen. „Gude“! Auf der Flaniermeile „La Rambla“ ist die typische Begrüßungsformel überall zu hören. Die Dimension des Ereignisses wird besonders deutlich, als sich die in Weiß gekleideten Frankfurter auf dem „Placa de Catalunya“ versammeln.
Beim Fanmarsch zum Stadion treffen alle Fans aufeinander und bilden eine scheinbar endlose Kette. Es sind unvergessliche Bilder. Jeder erhält ein Kärtchen für das Spiel. Wie schön! Wie geht es mir persönlich? Am Vorabend steigt die Stimmung bereits an. Die Eintracht lädt Sponsoren, Journalisten, Vereinsmitglieder, Ex-Profis und Verantwortliche ein.
Die Frauenmannschaft der Eintracht ist ebenfalls zahlreich vertreten, singt lautstark die Hymne mit und erhält dafür viel Applaus. Bei jedem Gespräch wächst die Zuversicht, dass etwas Großes erreicht werden kann. Die Katalanen selbst befinden sich in einer schwierigen Phase, da das Team sang- und klanglos aus der Champions League ausgeschieden ist.
In der Europa League kommt Barcelona nicht in Schwung. Auch im Hinspiel in Frankfurt war der Auftritt „so lala“. Dennoch ist der Respekt groß. „Hoffentlich darf der Fanblock über ein Tor jubeln, das einen gewissen Wert hat“, denke ich mir. Vielleicht lässt Barcelona einen Ausgleichs- oder Anschlusstreffer zu. Weiterkommen? Puh!
Am Donnerstagabend öffnen bei angenehmen Temperaturen die Tore des ehrwürdigen Stadions. In diesem Tempel erlebte der FC Bayern München im Mai 1999 die bittere Last-Minute-Niederlage gegen Manchester United. Der damalige Eintracht-Torhüter Kevin Trapp war Zeuge der Geburt von „La Remontada“ bei der 1:6-Niederlage gegen Paris Saint-Germain.
Und dann geschieht das Unvorstellbare. Filip Kostić trifft zweimal, Rafael Borré erzielt das wohl schönste Tor seines Lebens – und am Ende kommen die zu diesem Zeitpunkt gedemütigten Katalanen näher. Schlussmann Marc-André ter Stegen wird schon beim Aufwärmen von den Eintracht-Fans lautstark ausgepfiffen. Das Stadion ist in hessischer Hand.
Neben mir können es vor allem die spanischen Radioreporter kaum fassen. Sie sind fassungslos und sagen kaum noch etwas. Und dann müssen sie mit ansehen, wie sich plötzlich die vielen weißen Punkte im Stadion in Bewegung setzen und alle Ränge unterhalb des Gästeblocks zu einer Einheit werden. Es dauert fast eine halbe Stunde, bis alle Helden gefeiert werden.
Kostić, Trapp, Martin Hinteregger, Sebastian Rode und die anderen erleben auf dem Rasen im Camp Nou eine weitere Sternstunde. Die Krönung ist ein Sprung von Oliver Glasner. „Die Hose ist jetzt kaputt, aber egal“, sagt der Österreicher. Bei der Pressekonferenz im Anschluss frage ich Glasner nach seinen Emotionen. Er betont: „Das hat sich für immer ins Herz eingebrannt.“
Für die Eintracht hat dieser Tag weitreichende Folgen. Erstens werden sie in Europa ab sofort ganz anders wahrgenommen, und einen Monat später stemmen sie den Pokal in die Höhe und qualifizieren sich erstmals in der Vereinsgeschichte für die reformierte Königsklasse von 1992. Zweitens wird es eine solche Fan-Invasion nicht mehr geben.
Das zeigt sich auch in der Gegenwart. Nur noch Vereinsmitglieder erhalten für dieses Duell Tickets: „Diese Entscheidung wurde getroffen, um die Sicherheit der Barca-Fans zu gewährleisten und eine Wiederholung der Situation vom April 2022 zu verhindern, als die Mehrheit der Zuschauer im Stadion keine Fans der Heimmannschaft waren.“
Die „weiße Bestie“ aus Frankfurt – „bestia blanca“ – soll keinen weiteren Festtag in der Mittelmeer-Metropole erleben. Eine Eintracht-Invasion 2.0? Ausgeschlossen! Doch unabhängig vom Ergebnis auf der Anzeigetafel wird der 14. April 2022 im kollektiven Gedächtnis des Vereins tief verankert bleiben.