England erreicht WM-Halbfinale, aber Trainer Tuchel übt Kritik

England erreicht WM-Halbfinale, aber Trainer Tuchel übt Kritik

England hat sich für das WM-Halbfinale qualifiziert – erneut dank Jude Bellingham. Doch anstelle von Freude gibt es nach scharfer Kritik des Trainers Thomas Tuchel reichlich Zündstoff im englischen Lager.

Miami – Die englische Nationalmannschaft hätte eigentlich allen Grund zur Feier: Im dramatischen Viertelfinale gegen das Überraschungsteam aus Norwegen setzten sich die Three Lions mit 2:1 nach Verlängerung durch und ziehen ins Halbfinale ein. Doch rund um die Leistung des Titelkandidaten besteht Klärungsbedarf. Im Mittelpunkt steht Jude Bellingham, der Mann des Abends.

Der 23-jährige Star von Real Madrid folgte dem Rat seiner Mutter und erzielte beide Tore für England: In der Nachspielzeit der ersten Hälfte hielt er England mit dem Ausgleich zum 1:1 im Spiel – ein Treffer, der aufgrund eines möglichen Regelverstoßes umstritten war. In der dritten Minute der Verlängerung setzte er mit dem Siegtreffer den Schlusspunkt unter eine ausgeglichene und hart umkämpfte Partie.

Bereits beim 3:2-Achtelfinalsieg über Co-Gastgeber Mexiko hatte Bellingham England gerettet – nun schoss er sein Land fast im Alleingang eine Runde weiter und avancierte mit seinem zweiten Doppelpack in Folge zum Matchwinner. Im WM-Turnier 2026 kommt der ehemalige BVB-Profi auf beeindruckende sechs Tore in sechs Spielen und zieht damit mit Stürmerstar und Rekordjäger Harry Kane gleich.

Für England ist Bellingham zur absoluten Lebensversicherung geworden: Zwölf der insgesamt 13 englischen WM-Tore gehen auf das Konto von Kane und Bellingham. Nur Marcus Rashford traf einmal für die Three Lions. Anstatt gemeinsam zu feiern, sorgte Trainer Thomas Tuchel nach dem Spiel für Gesprächsstoff. Der 52-Jährige übte im TV-Interview überraschend Generalkritik an seiner Mannschaft.

„Wir haben uns das Leben heute durch unsere Spielweise sehr schwer gemacht“, stellte der deutsche Coach fest und bemängelte, dass sein Team zu ungenau agiert habe, nicht schnell genug gewesen sei und zu viele technische Fehler gemacht habe. Sein Fazit nach seiner leidenschaftlichen Analyse: „Heute hatten wir Glück.“

Auf Tuchels Aussagen angesprochen, reagierte Bellingham pikiert. „Vielleicht weiß er nicht, wie es ist, unter solchen Bedingungen gegen Haaland, Nusa und Sörloth zu spielen“, konterte der Offensivspieler mit Blick auf die brütende Hitze und die Qualität des Gegners: „Das ist keine schlechte Mannschaft.“

Den etwas mäßigen Auftritt seiner Elf wollte auch Bellingham nicht beschönigen. Doch darum gehe es nicht immer: „Man gewinnt nicht jedes Spiel, in dem man tausend Pässe spielt. Manchmal muss man auch schmutzig gewinnen“, betonte er und widersprach damit klar den Worten seines Trainers.

Ein weiterer Satz nährte Spekulationen über ein mögliches Spannungsfeld zwischen Tuchel und der Mannschaft: „Wir haben versucht, ein positives Umfeld zu entwickeln, und jetzt, wo wir unter den letzten vier Teams sind, sollten wir das fortsetzen“, sagte Bellingham. Die Wortwahl – insbesondere „versucht“ und „entwickeln“ – lässt darauf schließen, dass dieser Prozess möglicherweise noch nicht abgeschlossen ist.

Tuchel betonte zwar, dass es „keine Kluft“ zwischen ihm und dem Team gebe und er seine Spieler „von ganzem Herzen“ liebe – doch die öffentliche Auseinandersetzung wirft Fragen auf. Bereits als Vereinstrainer war der gebürtige Schwabe dafür bekannt, mit seiner direkten, kompromisslosen Art zu polarisieren. Sein ausgeprägter Perfektionismus im Umgang mit Spielern wurde ihm gelegentlich zum Verhängnis und könnte es auch zukünftig wieder werden.

Trotz allem bleibt sein Weg mit England bemerkenswert. Tuchel übernahm die Three Lions zu Beginn des Jahres 2025 und führte sie mit acht Siegen aus acht Spielen und einem Torverhältnis von 22:0 makellos durch die WM-Qualifikation. Mit dem Einzug ins Halbfinale schreibt er nun Geschichte: Er ist der erste ausländische Trainer, der England bei einer Weltmeisterschaft in die Runde der letzten Vier geführt hat.

Das nächste Kapitel dieser Geschichte wartet bereits am Mittwoch: Im Halbfinale trifft England auf Titelverteidiger Argentinien, der sich im Viertelfinale gegen die Schweiz ebenfalls erst nach Verlängerung mit 3:1 durchsetzte. Eine knifflige Aufgabe, für die es eigentlich nur eine Lösung geben kann: Die Engländer müssen spielerisch eine Schippe drauflegen – dann ist Tuchel zufrieden und der sportliche Erfolg noch wahrscheinlicher. Somit wäre allen Beteiligten geholfen.

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