Entfremdung zwischen Politik und Fußball: Ein Blick zurück
Haben Spitzenpolitik und die Nationalelf sich entfremdet? Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Beziehungen früher viel enger waren. In seiner WM-Kolumne "WM damals und heute" beleuchtet DFB-Reporter Günter Klein diese Entwicklung.
Winston Salem – „Das war kein lockeres, gelöstes Telefonat. Kein intimes Gespräch“, beschreibt DFB-Kapitän Joshua Kimmich den Austausch mit BRD-Kapitän Friedrich Merz. Wie könnte es auch anders sein, wenn „Hunderte Kameras“ um einen herum sind? Es gehe „mehr um die Botschaft, um das Daumendrücken von zuhause“. Der Anruf des Bundeskanzlers an die Nationalmannschaft ist ein symbolischer Akt. Merz plant, nur im Falle eines Finales ein deutsches WM-Spiel persönlich zu besuchen.
In der Vergangenheit war die Nähe zwischen Politik und Fußball größer. Besonders seit Helmut Kohl, der zur WM 1994 zum ersten Spiel anreiste und die Mannschaft im Hotel in Chicago besuchte, hat sich die Beziehung verändert. Er fuhr mit einem Korso zum Stadion, was für die DFB-Spieler nicht optimal war, da es nur eine Polizeieskorte pro Tag gab, die sich an den Kanzler anpassen musste – und so waren sie dreieinhalb Stunden vor Anpfiff im Soldier Field.
Das Spiel gegen Bolivien (1:0) war entsprechend mittelmäßig. Ein weiterer denkwürdiger Moment war Kohls Kabinenbesuch nach dem EM-Triumph in Wembley, den Mehmet Scholl als „eng“ beschrieb. Gerhard Schröder unterstützte als Kanzler still bei der finalen Präsentation, um die WM 2006 nach Deutschland zu holen.
Zu seinem Bedauern erlebte „Acker“ die WM nicht mehr im Amt, obwohl er sich 2005 gegen die Ambitionen von Angela Merkel gewehrt hatte. Auch Innenminister Otto Schily wurde nicht wie erhofft zum WM-Sheriff. Angela Merkel hingegen arbeitete sich intensiv ins Thema Fußball ein und besuchte die Nationalmannschaft in ihrem Quartier in Berlin.
Philipp Lahm war ehrlich berührt, während Jens Lehmann nach Regierungsplänen zur Senkung des Spitzensteuersatzes fragte. Merkel tauschte Handynummern mit Joachim Löw, Oliver Bierhoff und einigen Spielern, reiste mehrfach zur WM 2010 nach Südafrika (immer mit einem politischen Anlass) und führte 2014 die Mannschaft zum Pokalsieg. Christian Wulff, frisch inthronisierter Bundespräsident, erschien 2010 in Südafrika und hielt sogar eine Pressekonferenz auf dem DFB-Podium.
Der Zauber der Ära Merkel/Löw, die fast wie ein Regierungsduo wirkte, ist verflogen. Unter Scholz und Merz hat die enge Beziehung zwischen Politik und Fußball an Glanz verloren. „Merz ruft an“ hat nicht die gleiche Bedeutung wie „Gleich landet Merkels Hubschrauber“. Die kürzlich aufgekommene Diskussion, ob Angela Merkel Bundespräsidentin werden sollte, war ebenso haltlos wie die Spekulation, dass Jogi Löw zur WM 2026 noch einmal eine Mannschaft übernehmen könnte.