Fußball-Rituale und Aberglauben bei der WM
Fußball-Rituale, sei es ein Glatzenkuss oder das Besprengen mit Weihwasser auf dem Rasen, folgen bei der WM einer eigenen Logik.
Der Fußball ist ein Spiel voller Unwägbarkeiten. Kein Trainer kann vorhersagen, ob ein Schuss die Latte trifft oder daneben geht. In diesem Spannungsfeld zwischen Können und Zufall entstehen Rituale. Sportpsychologen bezeichnen sie als konditionierte Anker – Verhaltensweisen, die einen bestimmten mentalen Zustand hervorrufen sollen. Das Gefühl, das Unkontrollierbare zumindest ein kleines Stück weit zu beeinflussen, ist beim größten Fußballturnier der Welt besonders wertvoll. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Aberglaube und Rituale die WM seit Jahrzehnten begleiten.
Rituale beginnen oft lange bevor der Ball rollt. Johan Cruyff, die niederländische Fußballlegende, schlug seinem Torhüter vor jedem Spiel in den Bauch und spuckte seinen Kaugummi in die gegnerische Hälfte. Im Europapokalfinale 1969 vergaß er jedoch den Kaugummi, und Ajax verlor mit 1:4 gegen AC Mailand. Ähnlich abergläubisch war der argentinische Torhüter Sergio Goycochea, der bei der WM 1990 vor jedem Elfmeterschießen auf dem Rasen urinierte. Was zunächst aus echter körperlicher Not entstand, wurde zur festen Routine, da er anschließend die entscheidenden Elfmeter gegen Jugoslawien und Italien hielt.
Nicht alle Rituale entstehen aus spontanen Ereignissen; manchmal liegt auch ein tief verwurzelter Aberglaube dahinter. Mário Zagallo, brasilianische Trainerlegende und viermaliger WM-Titelträger, hatte eine lebenslange Obsession mit der Zahl 13. Er heiratete am 13. Juli, wohnte im 13. Stock und suchte systematisch nach dieser Zahl in Daten und Namen.
Einige Rituale entfalten ihre Wirkung nicht nur individuell, sondern auch im Kollektiv. Laurent Blanc küsste bei der WM 1998 vor jedem Spiel die kahle Stirn von Torwart Fabien Barthez, stets begleitet von dem Lied „I Will Survive“ in der Kabine. Barthez kassierte im gesamten Turnier nur zwei Gegentore, und Frankreich wurde Weltmeister. Ob der Kuss tatsächlich geholfen hat, lässt sich jedoch nicht beweisen.
Was Sportpsychologen jedoch bestätigen, ist, dass gemeinsame Rituale den Teamzusammenhalt stärken, den Fokus schärfen und den individuellen Druck reduzieren. Wer sich als Teil eines gemeinsamen Glaubens fühlt, spielt entspannter, mutiger und oft auch besser. Und genau das kann bei einer WM über das Weiterkommen oder die Heimreise entscheiden.