Joachim Löw bricht sein Schweigen über Mesut Özils Rücktritt
Acht Jahre nach dem Konflikt zwischen Mesut Özil und dem DFB hat der ehemalige Bundestrainer Joachim Löw nun sein Schweigen gebrochen. Seine jüngsten Aussagen zur Rücktrittserklärung Özils sorgen für Aufsehen.
Frankfurt – Fast acht Jahre sind vergangen, und dennoch bleibt die Affäre aktuell: Mesut Özil, einst gefeierter Weltmeister und Symbol eines modernen, vielfältigen Deutschlands, gab im Sommer 2018 seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt – in einem dreiteiligen Statement, das die Nation erschütterte. In einer ZDF-Dokumentation hat sich nun Joachim Löw erstmals ausführlich dazu geäußert, und seine Enthüllungen sind ebenso bemerkenswert wie sein Schweigen in den vergangenen Jahren.
Löw gab in der Dokumentation "Mesut Özil – zu Gast bei Freunden" offen zu, dass er das Rücktrittsschreiben seines ehemaligen Schützlings bis heute nicht gelesen hat. "Die ganze Presseerklärung und die Gründe habe ich nie gelesen. Erstens war mir das zu lang und zweitens war ich in dem Moment enttäuscht, weil ich es eigentlich nicht von ihm persönlich gehört habe", erklärte Löw. Diese Aussage hat kaum weniger Sprengkraft als das Schreiben selbst.
Trotz allem zollte Löw seinem früheren Spieler Respekt. Özil sei „einer der besten Nationalspieler, die Deutschland je hatte“, betonte der 66-Jährige. Löw bezeichnete es als bedauerlich, dass Özil auch dem jüngsten Treffen der Rio-Weltmeister von 2014 ferngeblieben war. Er berichtete, dass Özil mittlerweile in der Türkei lebt und in Deutschland kaum noch präsent ist.
In der Dokumentation kommt auch der damalige DFB-Manager Oliver Bierhoff zu Wort. Er nannte Özils Rücktritt „vollkommen nachvollziehbar“, zeigte sich jedoch überrascht von der Schärfe seiner Worte. "Das Nachtreten finde ich nicht gut. Ich hätte nicht gedacht, dass er so harte Worte findet. Dass er so gegen den Verband schlägt, weil man natürlich schon auch abstrahieren muss zwischen Verband und einzelnen Personen", sagte der 57-Jährige. Bierhoff vermutet zudem, dass Özil einen klaren Schlussstrich ziehen und die Brücken zu Deutschland endgültig abbrechen möchte.
Özils langjähriger Vertrauter Hamit Altintop zeichnete ein anderes Bild. "Mesut ist einfach nur verletzt, weil er nicht die Geborgenheit von dem Land bekommen hat, wo er Weltmeister geworden ist", sagte Altintop und stellte klar: "Keiner kennt ihn." Sein früherer Berater Erkut Sögüt erklärte, dass Özil von Anfang an klar war, dass er sich für nichts entschuldigen müsse.
„Wir haben nichts Falsches gemacht. Ich sehe den Präsidenten fast jedes Jahr“, berichtete Sögüt über Özils Haltung zum umstrittenen Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan vor der WM 2018 und verriet über das Rücktrittsschreiben auf Englisch: „Das war die Art und Weise, wie er das haben wollte.“ Özil selbst lehnte jede Mitwirkung an der Produktion ab. Interviewanfragen des ZDF wurden laut Senderangaben abgelehnt, auch auf eine Anfrage der dpa gab es keine Reaktion.
Regisseur Florian Opitz sprach stattdessen mit Menschen aus Özils engstem Umfeld sowie früheren Wegbegleitern. Ab dem 20. März ist der Dreiteiler in der ZDF-Mediathek verfügbar, die erste TV-Ausstrahlung erfolgt am 31. März um 20:15 Uhr. Der Fall Özil begann mit einem Foto und endete mit einem Systembruch. Dass Löw das Rücktrittsschreiben seines einstigen Ausnahmespielers nie gelesen hat, sagt viel über das zerrüttete Verhältnis beider Seiten aus – und darüber, wie tief der Graben zwischen Özil und dem deutschen Fußball bis heute geblieben ist. Eine echte Versöhnung scheint ferner denn je. Währenddessen äußerte Ex-Bayern-Star Ballack kürzlich scharfe Kritik an Lahm und Löw.