Kimmichs Rolle im DFB-Team: Ein taktisches Dilemma
Joshua Kimmich kehrt im DFB-Team ins zentrale Mittelfeld zurück. Doch ist dies tatsächlich die beste Position für ihn? Julian Nagelsmann steht vor einem Dilemma.
Köln – Die Ankündigung von Julian Nagelsmann war überraschend, aber eindeutig: Joshua Kimmich wird wieder im zentralen Mittelfeld eingesetzt. „Stand jetzt kehrt er auf die Sechs zurück, weil er einer von zwei oder drei Spielern ist, die in ihrem Klub immer spielen werden“, erklärte der Bundestrainer kürzlich und verdeutlichte damit seine strategische Wende. Hinter dieser Personalentscheidung verbirgt sich jedoch ein Problem.
Nagelsmann hat betont, dass es für ihn entscheidend ist, im DFB-Team auf Spieler zu setzen, die in ihren Vereinen regelmäßig auf der vorgesehenen Position spielen. Kimmich garantiert als unumstrittener Stammspieler beim FC Bayern genau diese Kontinuität im Zentrum.
Trotz der überraschenden Entscheidung äußerte Kimmich vor dem 0:2 gegen die Slowakei, dass die „Verschiebung“ für ihn „völlig irrelevant“ sei. Es sei ihm gleich, ob er „rechts hinten oder im Mittelfeld spiele“, so der Kapitän der Nationalmannschaft: „Wichtig ist für mich, dass ich auf dem Platz stehe.“
Im Mittelfeld habe er jedoch das Gefühl, dass er dort seine „Stärken noch mehr einbringen“ könne. „Der Input für die Mitspieler kann einfach größer sein.“ Diese professionelle Haltung verdeckt jedoch das zentrale Problem: Kimmich ist gleichzeitig die beste deutsche Lösung für zwei strategisch wichtige Positionen im modernen Fußball.
Als Sechser fungiert er als Metronom der Mannschaft, während er als Rechtsverteidiger die seit Jahren klaffende Lücke in der Abwehr schließt. Da er jedoch nur eine Position einnehmen kann, ist Nagelsmann bei jeder Aufstellung gezwungen, einen grundlegenden Kompromiss einzugehen.
Nagelsmanns eigene Einschätzung bringt die Problematik schonungslos auf den Punkt. „Es gibt keinen besseren Rechtsverteidiger als Joshua Kimmich in Deutschland, das ist Fakt. Wir haben keinen Rechtsverteidiger, der ansatzweise das Niveau von Joshua erreicht“, sagte der Bundestrainer noch im Juni.
Seit dem Rücktritt von Philipp Lahm nach dem WM-Titel 2014 klafft auf der rechten Abwehrseite eine Lücke, die nie nachhaltig geschlossen werden konnte. Das jüngste Experiment: Nnamdi Collins feierte gegen die Slowakei sein DFB-Debüt, konnte jedoch die Erwartungen auf der Rechtsverteidigerposition nicht erfüllen.
„Nnamdi hatte keinen super Tag, aber ich werde nicht einen Debütanten verantwortlich machen“, verteidigte Nagelsmann den Youngster. Gegen Nordirland wechselte Nagelsmann zu einem System mit drei beziehungsweise fünf Abwehrspielern, wobei Jamie Leweling als rechter Schienenspieler agierte. Dies war der Versuch, Kimmichs Präsenz im Zentrum zu ermöglichen und gleichzeitig die Schwäche auf der rechten Abwehrseite zu kaschieren.
Doch das Vorhaben erwies sich als fragil: Die ersten 60 Minuten waren ein Offenbarungseid der Verunsicherung. Es fehlte an Tempo, Kreativität und der vom Bundestrainer geforderten Emotionalität. Die Konsequenz war ein gellendes Pfeifkonzert der eigenen Fans zur Halbzeitpause.
Erst eine deutliche Steigerung in der letzten halben Stunde, unterstützt durch die Einwechslungen von Nadiem Amiri und Maximilian Beier, sicherte am Ende den standesgemäßen, aber lange Zeit schmeichelhaften Erfolg. „Wir mussten das Spiel gewinnen – haben wir gemacht“, bilanzierte Nagelsmann nach dem 3:1, doch seine Zufriedenheit hielt sich in Grenzen.
Nagelsmann hat den WM-Titel zum Ziel erklärt. „Was soll ich den Spielern denn sonst sagen: Sie sollen froh sein, wenn sie die Gruppenphase überstehen?“, rechtfertigte er seine ambitionierten Pläne. Dabei kann das DFB-Team nur dann erfolgreich sein, wenn es auf jeder Position stark besetzt ist.
Die Entscheidung für oder gegen Kimmich im Mittelfeld löst eine taktische Kettenreaktion aus, die die gesamte Struktur der Mannschaft beeinflusst. Wird er ins Zentrum beordert, muss die rechte Abwehrseite durch fragile Konstrukte abgesichert werden. Spielt er rechts hinten, fehlt im Mittelfeld der primäre Taktgeber und Organisator.
Keine der denkbaren Mittelfeld-Paarungen ohne Kimmich kann seine einzigartige Mischung aus strategischer Kontrolle, defensivem Bewusstsein und offensivem Impuls vollständig ersetzen. Gleichzeitig gibt es auf der Rechtsverteidigerposition schlichtweg keinen Spieler, der auch nur annähernd Kimmichs Niveau erreicht.
Das Kimmich-Dilemma ist mehr als eine Personalfrage. Es ist eine Grundsatzentscheidung über die taktische Identität der deutschen Nationalmannschaft: Soll die schwächste Stelle in der Abwehr mit dem besten verfügbaren Spieler gestopft werden, auch wenn dies auf Kosten der Kontrolle im Mittelfeld geht? Oder soll die Mannschaft um ein Weltklasse-Zentrum aufgebaut werden, mit dem Wissen, dass die rechte Abwehrseite durch anfällige Konstrukte abgesichert werden muss?
Angesichts dessen scheint es fast unausweichlich, dass Kimmich in absehbarer Zukunft wieder hinten rechts spielen wird – trotz aller gegenteiligen Ankündigungen.