Leroy Sané und die Herausforderungen bei Galatasaray Istanbul
Ob Leroy Sané seinen Wechsel nach Istanbul bereits bereut, bleibt unklar. Sein ehemaliger FCB-Boss übt scharfe Kritik an ihm, sollte jedoch besser informiert sein. Ein Kommentar.
München – Nach einem langen und komplizierten Vertragsverhandlung mit den Verantwortlichen des FC Bayern, die von zahlreichen überraschenden Wendungen geprägt waren, wechselte Leroy Sané im Sommer mit dem Wunsch nach mehr öffentlicher Anerkennung und Wertschätzung zu Galatasaray Istanbul in die Süper Lig. Doch auch beim türkischen Meister sieht sich der talentierte und sensiblen deutsche Nationalspieler mit den gleichen Problemen konfrontiert, die ihn zuvor in München belastet hatten, jedoch im letzten halben Jahr überwunden schienen.
Die Körpersprache und Mimik des 70-fachen Nationalspielers könnten oberflächlich betrachtet als launisch und lustlos interpretiert werden. Seine ehemaligen Trainer beim FC Bayern haben diese Wahrnehmung jedoch stets vehement zurückgewiesen. Sie beschrieben ihn als eine Kampfmaschine, die mit Leidenschaft, Einsatzbereitschaft und großem Laufwillen, insbesondere in der Defensive, alles für die Mannschaft gibt. Diese Ansicht teilen auch seine ehemaligen Teamkollegen, und Ilkay Gündogan verteidigte ihn kürzlich in Istanbul auf ähnliche Weise.
Sané genießt nach wie vor Beliebtheit beim FC Bayern. Während eines Familienausflugs zum Oktoberfest wurde er zusammen mit Trainer Vincent Kompany und seinen FCB-Kameraden gesichtet und wurde sofort von pöbelnden, vermeintlichen Anhängern des Rekordmeisters daran erinnert, warum er möglicherweise in die Türkei „geflüchtet“ ist. Ausgerechnet sein ehemaliger FCB-Boss, der frühere Vorstandsvorsitzende Oliver Kahn, liefert den Pöblern nun Argumente, indem er den 29-Jährigen abfällig beschreibt: „Komm ich heut nicht, komm ich morgen – das ist halt so sein Charakter, oft auch mit seiner ganzen Körpersprache.“
Für den früheren Weltklassetorhüter ist Sanés Krise unverständlich, da er „alles, wirklich alles hat, was du brauchst, um ein absoluter Topspieler zu werden“. Kahn kritisiert, dass Sané seine Qualitäten – wie Geschwindigkeit, Dribblings und Torabschluss – zu selten auf dem Platz zeigt. Der Wechsel vom FC Bayern zu Galatasaray wird von Kahn als deutlicher Rückschritt angesehen: „Wenn Sané nicht in die oberste Kategorie will, ist das seine Entscheidung. Dann verläuft die Karriere eben etwas anders.“
Oberflächlich betrachtet hat der 56-Jährige mit vielen seiner Argumente recht. Doch seine öffentlich zur Schau getragene Meinung zeigt deutlich, was ihm einst als FCB-Führungskraft gefehlt hat: Menschlichkeit und Empathie. Zudem ist es fraglich, dass er die in den letzten Jahren beim FCB gezeigte sportliche Leistung von Sané, insbesondere seine hervorragende Defensivbereitschaft, nicht wahrnimmt und würdigt.
Kahn selbst war als Torhüter absolute Weltklasse, hat jedoch in seinem ehrgeizigen Streben zahlreiche Regeln mit fragwürdigen Aktionen gebrochen und letztendlich Deutschland den WM-Titel 2002 gekostet, obwohl er in Japan und Südkorea der beste Spieler des Turniers war. Im Endspiel gegen Brasilien ignorierte er eine Fingerverletzung, was sich fatal beim entscheidenden 1:0 der Brasilianer auswirkte.
Die Körpersprache des ehemaligen „VulKahns“ könnte als kämpferisch bis aggressiv beschrieben werden, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass er Sanés Auftreten als „oft teilnahmslos wirkend“ einstuft oder missinterpretiert. Damit ist Kahn nicht allein, doch es verdeutlicht auch, warum er von 2021 bis 2023 als CEO völlig fehl am Platz war.
Lange bevor Uli Hoeneß Kahns kalten Umgang mit den Angestellten an der Säbener Straße kritisierte, war dies bereits ein offenes Geheimnis. Die unnötige und empathielose Entlassung von Julian Nagelsmann war dabei ein trauriger Höhepunkt, den der Champions-League-Sieger von 2001 am letzten Spieltag der Saison 2022/23 selbst erleiden musste. Nicht die Art und Weise, sondern die Vollziehung der fristlosen Trennung war damals die einzig richtige Konsequenz von Uli Hoeneß und Co.