Thomas Strunz über Giovanni Trapattonis Wutrede und seine Karriere
München – Am 10. März 1998, an der Säbener Straße: Die Kameras sind bereit, als Giovanni Trapattoni das Mikrofon ergreift. Was darauf folgt, wird zur Bundesliga-Geschichte: „Was erlauben Strunz?“, ruft der italienische Trainer des FC Bayern in gebrochenem Deutsch. „In den letzten Jahren hat Strunz zehn Spiele gespielt, er ist immer verletzt!“ Diese Wutrede geht viral – und das in einer Zeit, lange bevor Instagram, YouTube und Co. populär waren.
Fast drei Jahrzehnte später sitzt Strunz entspannt vor der Kamera und lächelt. „Es überrascht mich nicht, dass immer noch Fragen zu Giovanni Trapattoni kommen“, sagt der ehemalige Bayern-Profi in einem Interview mit Absolut Fussball, dem Fußball-Portal von Home of Sports. „Man muss sich vorstellen: Das ist nun fast 30 Jahre her – es war 1998, und wir schreiben mittlerweile 2025. Es ist bemerkenswert, dass diese Pressekonferenz nach wie vor so präsent ist.“
Was Trapattoni damals nicht ahnte: Seine Schimpftirade würde Strunz‘ Leben für Monate zur Hölle machen. „Einerseits bin ich stolz darauf, Teil der Bundesliga-Geschichte zu sein“, reflektiert Strunz heute. „Andererseits war die Zeit damals zunächst sehr schwierig für mich.“
„Egal wo ich hinkam, wurde mir das ‚Was erlaube Strunz?‘ hinterhergerufen – beim Bäcker, beim Metzger, überall hörte ich die Leute darüber tuscheln“, erinnert sich Strunz. Der öffentliche Spott wurde zur ständigen Belastung. „Wir hatten sportlich nicht die Leistung gebracht, die man beim FC Bayern erwartet, und ich wurde in dieser Phase häufig zum Sündenbock gemacht.“
Die psychische Belastung war enorm. Ein Profisportler, gewohnt an Erfolg und Anerkennung, sah sich plötzlich als Witzfigur der Nation. „Für mich stand fest, dass ich Deutschland verlassen müsste, weil die Situation hier untragbar geworden war“, gesteht Strunz heute offen.
Doch dann kam Strunz‘ Rettung – in Form eines Telefonats. Ottmar Hitzfeld, Trapattonis Nachfolger, griff zum Hörer. „Der Wendepunkt kam durch ein Gespräch mit Ottmar Hitzfeld“, erzählt Strunz. „Hitzfeld rief mich an und sagte klar: ‚Thomas, ich möchte, dass du bleibst. Ich stehe voll hinter dir.‘“
Diese Worte waren wie Balsam für eine geschundene Seele. „Ich weiß, dass das eine unglückliche Verkettung von Umständen war. Du bist mein Mann und sollst mit Mario Basler die rechte Seite bespielen“, hatte Hitzfeld gesagt. „Das war der entscheidende Moment, in dem ich beschloss, in Deutschland und beim FC Bayern zu bleiben“, so Strunz.
„Diese Entscheidung hat sich ausgezahlt – die Zeit danach war sehr erfolgreich“, blickt Strunz zurück. Unter dem neuen Trainer fand er zu alter Stärke zurück und wurde wieder zu einem wichtigen Baustein im Bayern-System. Die Schmährufe verstummten, der Respekt kehrte zurück.
„Die ersten zwei Monate nach der Pressekonferenz, von März bis Mai, waren hart und haben mir sicherlich geschadet“, gibt Strunz zu. Doch aus der Krise erwuchs eine neue Stärke, er kämpfte sich zurück ins Rampenlicht – diesmal auf positive Weise. Heute, fast drei Jahrzehnte später, hat Strunz eine bemerkenswerte Erkenntnis gewonnen.
„Es ist schon kurios: Viele Menschen wissen zwar noch, dass ich Fußball gespielt und Titel gewonnen habe, aber die Details meiner Karriere sind verständlicherweise verblasst“, sagt er mit einem Augenzwinkern. „Sobald jedoch die Sprache auf Trapattonis Pressekonferenz kommt, ist es überraschend, wie viele Menschen – Männer wie Frauen, Jung und Alt – diese Szene noch kennen.“
Die Ironie des Schicksals: Ausgerechnet sein größter Tiefpunkt machte ihn unsterblich. Was als Demütigung begann, wird heute mit Gelassenheit betrachtet. „Im Rückblick bin ich Giovanni Trapattoni dankbar – er hat mich bekannter gemacht, als ich ohnehin schon war“, sagt der Ex-Profi. Heute kann Strunz über „Was erlauben Strunz?“ lachen. Und das ist vielleicht der größte Triumph von allen.