ARD-Dokumentation über Jérôme Boateng: Ein Blick hinter die Kulissen

ARD-Dokumentation über Jérôme Boateng: Ein Blick hinter die Kulissen

Die ARD hat eine Dokumentation über den ehemaligen FC Bayern-Star Jérôme Boateng veröffentlicht. Michels Meinung hatte die Gelegenheit, die Doku im Voraus zu sehen und eine Bewertung abzugeben.

München – Die ARD ist derzeit im Fieber der Sportdokumentationen und hat kürzlich mit „Rise and Fall“ ein bemerkenswertes Projekt über den TSV 1860 München realisiert. „Rise and Fall“ könnte auch als Titel für Jérôme Boatengs Geschichte dienen, doch die Produzenten entschieden sich für den traditionellen Ansatz eines Biopics: „Being Jérôme Boateng“.

Michels Meinung hat für Absolut Fussball, das Fußballportal von Home of Sports, die dreiteilige Doku, die ab Freitag in der ARD-Mediathek verfügbar ist, vorab angesehen. Die Doku ist gut umgesetzt und folgt einem klaren roten Faden. Sie bietet zahlreiche Hintergrundinformationen und lässt Jérôme Boateng sowie viele seiner Wegbegleiter zu Wort kommen, darunter sein Vater, seine Lehrerin und der Fußballfreund Änis Ben-Hatira.

Experten und Journalisten, wie Marcel Reif und Michael Horeni, geben ebenfalls ihre Einschätzungen ab. Horeni, der ein Buch über die drei Boateng-Brüder verfasst hat (Klett-Verlag, 1. Auflage 2012), stand der ARD als inhaltlicher Berater zur Verfügung.

Michels Meinung betrachtet die Doku aus einem besonderen Blickwinkel, insbesondere da Jérôme Boateng in letzter Zeit erneut eine große mediale Debatte ausgelöst hat. Der erste Teil der Doku konzentriert sich vor allem auf seine Kindheit und Jugend. Es gibt bewegende Bild- und Tonaufnahmen des jungen Boateng, der als schüchtern und ehrgeizig dargestellt wird.

Die schwierige Kindheit von Boateng wird deutlich angesprochen: Seine Eltern stritten häufig und trennten sich früh. Zudem hatte sein Vater eine komplizierte Beziehung zu seiner früheren Partnerin, aus der die bekannten Halbbrüder George und Kevin-Prince Boateng hervorgingen.

Ein wichtiger Aspekt, der für Psychologen und Familientherapeuten von Interesse sein könnte, ist die Parallele zwischen Jérômes späterem Leben und der Situation seines Vaters. In den 2010er-Jahren findet sich Jérôme in einer ähnlichen Lage wieder: Er hat Kinder, führt eine On-off-Beziehung und wird erneut Vater.

Die Doku zeigt, dass Jérôme Boateng 2011 Vater von Zwillingsmädchen wird und 2015 einen Sohn mit einer anderen Partnerin bekommt. Ein weiterer zentraler Punkt in seinem Leben ist die Rivalität zu seinem älteren Halbbruder Kevin-Prince, der als extrovertiert und talentiert gilt. Doch letztendlich wird Jérôme als der bessere Fußballer angesehen.

Die Doku thematisiert auch zwei Konflikte: 2009 wird Kevin-Prince aufgrund eines Partyvorfalls kurz vor der U21-EM aus dem DFB-Team ausgeschlossen. Jérôme, der sich in einer Zwickmühle befindet, bleibt ruhig und zeigt keine öffentliche Loyalität zu seinem Halbbruder. Er spielt das Turnier und wird mit einer legendären Mannschaft (unter anderem Manuel Neuer, Sami Khedira und Benedikt Höwedes) Europameister. Kevin-Prince spielt fortan für Ghana und verletzt den deutschen Nationalhelden Michael Ballack vor der WM 2010. Erneut steht Jérôme in einem Dilemma und hält sich von seinem Bruder fern.

Bei der WM 2010 kommt es schließlich zu einem spektakulären Bruder-Duell im Gruppenspiel zwischen Ghana und Deutschland (1:0 für das DFB-Team). Das Thema Loyalität und die Frage, wer für oder gegen ihn ist, begleiten Boateng weiterhin. Jérôme Boateng wird zum Liebling der Nation, insbesondere nachdem die AfD ihn 2016 verunglimpft. Der Weltmeister von 2014 wird zum „Lieblingsnachbarn“ der Deutschen und gilt als Stil-Ikone, die von Kanzlerin Angela Merkel als Vorbild für Integration gefeiert wird.

Doch im Laufe der Zeit treten auch private Probleme des Verteidigers zutage. Ein geheimes Treffen mit dem It-Girl Gina Lisa bleibt noch unbemerkt, doch die familiären Spannungen nehmen zu. Gegen Ende der 2010er-Jahre sieht sich Boateng mit zwei großen Problemen konfrontiert: Er streitet sich mit der Mutter seiner Zwillinge und muss vor Gericht einige Auseinandersetzungen klären. Besonders aufsehenerregend ist eine körperliche Auseinandersetzung mit seiner Ex-Partnerin während eines Urlaubs. Bis heute wird über die Geschehnisse gestritten, und das Gericht kann nicht klären, wer die Wahrheit sagt und welche Strategien im Hintergrund (Streit um Sorgerechts- und Aufenthaltsrechte der Kinder) eine Rolle spielen.

Fest steht jedoch, dass Boateng verurteilt wird. Das Berufungsverfahren mildert das Urteil ab, doch einige Nebenaspekte bleiben bestehen. Ein weiterer öffentlicher Vorwurf gegen Jérôme Boateng besagt, dass er mitverantwortlich für den Tod seiner Ex-Partnerin Kasia Lenhardt sei. In der Doku versucht Boateng, seine Sichtweise darzulegen und betont, dass er trotz aller Probleme eine liebevolle Verbindung zu ihr hatte.

Die Doku zeigt auch einen Bericht der Tagesschau, der betont, dass Boateng vor Gericht in dieser Angelegenheit nichts vorgeworfen werden kann. Es lohnt sich, dieses Werk anzusehen, um mehr über Jérôme Boateng zu erfahren, auch wenn viele interessante Aspekte in seinem Leben fehlen. Oft wird man nur ansatzweise hinter die Kulissen geführt, wahrscheinlich weil Boateng nicht mehr preisgeben wollte.

Ein Beispiel dafür ist, wie Boateng nach seiner Zeit beim FC Bayern, insbesondere in Linz, von den Fans ausgepfiffen wird. Eine wichtige Frage, die Michels Meinung aufwirft, ist: Warum ließ Jérôme Boateng in den letzten Monaten eine Doku über sich anfertigen und wollte seine Sicht der Dinge in einem seriösen Sender präsentieren?

Hätte der Multi-Millionär wirklich Geld verdienen wollen, wäre ein Deal mit Netflix wahrscheinlich lukrativer gewesen. Michels Meinung ist, dass Boateng den Fußball liebt. Der 37-Jährige möchte nun als Trainer ein neues Kapitel in seinem Leben beginnen. Doch aufgrund seiner privaten Vorfälle könnte es ihm im deutschsprachigen Raum schwerfallen, eine Anstellung zu finden.

Indem der Champions-League-Sieger von 2013 und 2020 versucht, sachlich und sympathisch darzustellen, dass er eine schwierige Kindheit hatte und im Grunde ein guter Mensch ist, dem oft Unrecht getan wurde, will er offenbar in der Öffentlichkeit einen Neuanfang wagen. Damit möchte Boateng erneut das tun, was ihm neben seinen drei Kindern Halt gibt: sich durch großartige Leistungen im Fußball Anerkennung verschaffen.

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