BVB verstärkt die Abwehr mit Aaron Anselmino
Der BVB benötigt dringend Unterstützung in der Abwehr. Mit Aaron Anselmino scheint ein potenzieller Neuzugang gefunden zu sein. Allerdings weist ein Experte auf eine bedeutende Herausforderung hin.
Dortmund – Als Borussia Dortmund am Mittwoch Aaron Anselmino als neuen Spieler vorstellte, dürften sich viele BVB-Fans gefragt haben: Wer ist dieser Spieler? Der 20-jährige Argentinier wechselte im Januar von den Boca Juniors zu Chelsea, kam dort jedoch kaum zum Einsatz. Nun soll er per Leihe die Abwehrprobleme in Dortmund entschärfen. Aber kann ein Spieler, der in Europa noch nicht bekannt ist, dem BVB sofort helfen?
Um diese Frage zu klären, hat das Fußballportal Absolut Fussball mit Tom Robinson gesprochen. Die Einschätzung des Experten für südamerikanischen Fußball fällt differenziert aus: „Auf dem Papier bringt Anselmino genau die Eigenschaften mit, die man heute von einem modernen Innenverteidiger erwartet“, erklärt er im Gespräch am Mittwoch.
Anselmino sei „groß genug, um in der Luft standzuhalten, er hat ein ordentliches Tempo auf den ersten Metern, gutes Defensivgespür und ist sicher am Ball.“ Besonders beeindruckend sei sein Aufbauspiel: „Er kann im Spielaufbau die Linien brechen – das war besonders deutlich bei seinen zwei Assists gegen San Lorenzo, einer seiner auffälligsten Partien für Boca.“
Sogar die Klub-Legende Juan Román Riquelme, mittlerweile Präsident des Traditionsvereins, habe ihn als zukünftigen Nationalspieler ins Gespräch gebracht. „Insgesamt hat er ein sehr komplettes Profil“, urteilt Robinson. Doch der entscheidende Nachteil folgt schnell: „Das große Manko ist, dass er in einer entscheidenden Phase seiner Entwicklung zu wenig Erwachsenenfußball gespielt hat.“
Für Chelsea hat der Verteidiger bislang nur einen kurzen Einsatz absolviert. „Rein sportlich traue ich ihm die Bundesliga zu“, betont Robinson dennoch. „Zudem kommt: Er ist bei einem der größten Klubs Südamerikas groß geworden – mit einer leidenschaftlichen Fanbasis und enormem Druck – und hat in seinen wenigen Einsätzen sofort gewirkt, als wäre er daheim: ruhig, abgeklärt und unbeeindruckt von der Bühne.“
Diese Eigenschaften passen gut zur Atmosphäre im Dortmunder Stadion. Die aktuelle Situation beim BVB macht eine schnelle Integration unerlässlich. Mit Emre Can, Nico Schlotterbeck und Niklas Süle fallen gleich drei Innenverteidiger verletzungsbedingt aus, während Filippo Mane nach seiner Roten Karte gegen St. Pauli gesperrt ist.
„Wir werden ihn schnell integrieren, weil wir ihn sofort benötigen“, bestätigt Sportdirektor Sebastian Kehl. Bereits am Sonntag könnte Anselmino gegen Union Berlin sein Debüt feiern – andernfalls müsste Trainer Niko Kovač improvisieren, etwa mit Julian Ryerson als Aushilfe oder einem Spieler aus der U23.
Unweigerlich drängt sich der Vergleich zwischen Anselmino und Leonardo Balerdi auf, der 2019 von Boca zum BVB wechselte. „Das Beispiel Balerdi passt gut – ähnlicher Körper, ähnlicher Spielertyp und der Kontext: von Boca nach Europa, mit sehr wenigen Profi-Minuten“, bestätigt Robinson die Parallele. Balerdi scheiterte damals in Dortmund und wurde an Olympique Marseille verkauft.
Dort ist Balerdi inzwischen Kapitän. „Für Anselmino ist es nicht der erste Klub in Europa. Er kennt die Realität eines Wechsels zu einem großen Klub bereits, und die Leihe zurück zu Boca hat ihm wohl mehr Erfahrung gegeben als Balerdi im gleichen Alter“, analysiert der Experte. Zudem habe Anselmino grundsätzlich „das höhere Potenzial“.
Die entscheidende Frage ist, ob der BVB aus der Erfahrung gelernt hat: „Idealerweise schafft Dortmund Rahmenbedingungen, die den Übergang erleichtern.“ Anselmino selbst gibt sich kämpferisch: „Ich bin ein Spieler, der hart arbeitet. Ich versuche immer, auf dem Platz alles zu geben. Mit dem Ball möchte ich Ruhe vermitteln – aber die Fans sollen wissen, dass ich alles gebe.“
Robinson warnt jedoch vor zu hohen Erwartungen: „Ich rechne damit, dass er Anlaufzeit benötigt. Ein Raketenstart ist nicht zu erwarten, aber bekommt er eine Serie an Spielen, hat er die Qualität und Persönlichkeit, um sich durchzusetzen.“ Aus Sicht des BVB ist die Anselmino-Leihe kein großes Risiko.
Berichten zufolge zahlt Dortmund lediglich das Gehalt des Argentiniers in Höhe von zwei Millionen Euro, ohne Leihgebühr – das finanzielle Risiko ist also überschaubar. Fraglich bleibt jedoch der Ertrag: Kann ein Spieler, der seit Monaten kaum gespielt hat, sofort helfen? Und was hat der BVB langfristig davon, einen Spieler für Chelsea zu entwickeln, wenn keine Kaufoption vereinbart wurde?
„Mit etwas Geduld könnte die Rendite potenziell sehr hoch sein“, glaubt Robinson dennoch. Das Fehlen einer Kaufoption bedeutet nicht automatisch, dass Anselmino 2026 definitiv zurückkehrt. Die Klubs können auch ohne festgelegte Optionen handelseinig werden. Carney Chukwuemeka hat der BVB gerade erst deutlich günstiger bekommen, weil er die Kaufoption im Deal mit Chelsea verstreichen ließ.
Zunächst beginnt das gegenseitige Beschnuppern. Ob Anselmino die Antwort auf die Abwehrsorgen des BVB ist, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Die Aussagen von Tom Robinson machen Hoffnung: Ein Spieler mit dem Profil und der Mentalität von Anselmino könnte durchaus ein Gewinn werden. Das Problem: Die Geduld, die der 20-Jährige möglicherweise benötigt, kann der BVB kaum aufbringen.