Vor dem WM-Spiel: Ecuador steht unter Druck

Vor dem WM-Spiel: Ecuador steht unter Druck

Der dritte Gruppengegner Deutschlands galt eigentlich als Geheimfavorit, doch die Statik der Mannschaft aus Ecuador lässt zu wünschen übrig.

Winston-Salem – Für die WM 2026 hat New York City eine ansprechende Initiative ins Leben gerufen, um das Gemeinschaftsgefühl zu fördern. In allen Bibliotheken können Besucher einen „NYC Neighborhood Passport“ abholen, um die Stadtviertel der fünf Bezirke – Manhattan, Brooklyn, Queens, die Bronx und Staten Island – zu erkunden. Ziel ist es, fleißig Stempel zu sammeln und die verschiedenen Kulturen kennenzulernen. Der Bereich „Little Ecuador“ in Queens, in der Nähe der Roosevelt Avenue, ist das Herz der ecuadorianischen Gemeinschaft, wo zahlreiche Restaurants und ein Kulturzentrum zu finden sind.

Wer verstehen möchte, warum beim ersten WM-Gruppenspiel gegen die Elfenbeinküste (0:1) in Philadelphia über 50.000 Menschen in gelben Trikots die „Tri“ anfeuerten, muss die leidenschaftlichen Fans in zwei Gruppen unterteilen: zum einen die reisefreudigen Anhänger aus der Hauptstadt Quito und zum anderen die seit den späten 90er Jahren in Florida und im Großraum New York lebende Gemeinschaft. Schätzungen zufolge haben sich rund 300.000 Ecuadorianer aus ihrer Heimat abgesetzt, um der Wirtschaftskrise zu entkommen.

Für das dritte WM-Gruppenspiel gegen Deutschland in New Jersey (Donnerstag, 22 Uhr MESZ) wird sich diese begeisterte Masse erneut versammeln, um eine mitreißende Atmosphäre zu schaffen. Doch die Stimmung ist getrübt. Gespräche mit Ecuadorianern auf einer New Yorker Fähre offenbaren das Entsetzen über die jüngsten Pfiffe beim Unentschieden gegen Curacao (0:0).

Nationaltrainer Sebastián Beccacece sieht sich zunehmender Kritik ausgesetzt. Der ehemalige Nationalspieler Jefferson Montero forderte ihn auf: „Hör auf, heiße Luft zu verkaufen, und trete bei ‚La Tri‘ zurück! Zeige ein wenig Würde, du hast unserem Fußball mit einer Generation, die die beste der Geschichte sein sollte, großen Schaden zugefügt.“ Diese Worte spiegeln den verletzten Stolz in einer Nation wider, die sich stark an ihrem Fußball als Identitätsstifter orientiert.

Es scheint, als sei vergessen, dass der Argentinier in seinen zwei Jahren als Trainer auch Erfolge erzielt hat. Beccacece, ein Mann mit halblangen, blonden Haaren, der gut als Surflehrer an Long Islands Stränden durchgehen könnte, zeigt sich in Pressekonferenzen weder mürrisch noch arrogant. Dennoch hat er festgestellt: „Es ist mir nie gelungen, die Herzen der Ecuadorianer zu erobern. Wir müssen nun ein Team schlagen, das wir noch nie zuvor besiegt haben. Aber vertraut den Jungs, sie werden sich im letzten Spiel zurückkämpfen.“

Bei der WM 2006 hatte die DFB-Auswahl bereits als Gruppensieger festgestanden, während Ecuador trotz einer Niederlage (0:3) ins Achtelfinale einziehen konnte. Zwei Jahrzehnte später zeigt die Mannschaft jedoch ein strukturelles Ungleichgewicht, für das der Trainer wenig kann. Zusammengefasst: In der Defensive gibt es Qualität, während die Offensive schwächelt.

Mittelfeldspieler Moises Caicedo (FC Chelsea) und die ehemaligen Bundesliga-Profis Piero Hincapie (FC Arsenal) und Willian Pacho (Paris Saint-Germain) bilden zusammen mit Joel Ordonez (FC Brügge) eine starke Abwehrreihe. Um gegen diese Spieler zu bestehen, sind Schnelligkeit und Köpfchen gefragt.

Doch je mehr Druck auf die Offensive lastet, desto hilfloser zeigt sich der Vize-Meister der Südamerika-Qualifikation. Torjäger Enner Valencia hat seinen Höhepunkt überschritten: Seine Bilanz (107 Länderspiele/50 Tore) kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der 36-Jährige an Effizienz eingebüßt hat. Der zehn Jahre jüngere Anthony Yeboah Zamora, Sohn eines ghanaischen Vaters und einer ecuadorianischen Mutter, konnte bislang nicht überzeugen.

Ein frühes Ausscheiden bei der WM wäre für Ecuador verheerend, da sich das Land von seiner fünften WM-Teilnahme sowohl sportlich als auch atmosphärisch viel verspricht. Vieles deutet auf einen frühen Abschied hin, ähnlich wie bei der WM 2022, als Ecuador im Eröffnungsspiel souverän den Gastgeber Katar (2:0) besiegte, aber anschließend ein enttäuschendes Unentschieden (1:1) gegen die Niederlande spielte.

Als 15.000 Fans, die in die Wüste gereist waren, bereits von einem Achtelfinaleinzug träumten, traf die Niederlage (1:2) gegen Senegal alle wie ein Schlag. Jetzt ist die Stimmung bereits auf einem Tiefpunkt angelangt. Doch hat die Geschichte nicht gezeigt, dass sich für manche Mannschaften bei einer WM alles zum Guten wenden kann? In New York gibt es genügend Orte, an denen solch ein Sieg sofort gefeiert würde.

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