WM 2026: Die erste Woche in Houston und die deutsche Fan-Kultur

WM 2026: Die erste Woche in Houston und die deutsche Fan-Kultur

Die erste Woche der Fußball-Weltmeisterschaft ist vorüber, und es bleibt abzuwarten, ob sie die breite Masse begeistern wird. In den USA scheint jedoch vieles anders zu sein, als es auf den ersten Blick aussieht.

In Houston fiel das erste Tor für Deutschland, und im Stadion wurde der Song eingespielt, den der DFB für diesen Anlass bei den Organisatoren der WM 2026 eingereicht hat: Peter Schillings „Major Tom“. Während Felix Nmecha, der Torschütze, seinen Jubelsprung vollführt, stimmt etwas nicht.

Obwohl die meisten der 68.000 Zuschauer, die das Spiel gegen Curaçao verfolgen, in weißen Trikots der deutschen Mannschaft gekleidet sind, singt kaum jemand mit. Später werden Ben und Kevin, zwei Fans aus Gelsenkirchen, anmerken: „Es waren nicht viele Deutsche da.“

In der Früh am Downtown Houston sucht eine vierköpfige Familie nach der Straßenbahn zum Stadion. Der Vater trägt ein schwarzes Shirt mit „Germany“, die Mutter ein weißes, und ihre Gesichter sind in den Farben schwarz-rot-gold bemalt. Der Sohn hat ein deutsches Nationaltrikot an und trägt eine goldene Kette mit einem Deutschland-Anhänger, während seine Schwester einen amerikanischen trägt.

„Ja, wir sind Amerikaner“, sagt Beth, die Mutter, „wir kommen aus Louisiana.“ Das Nachbarbundesland von Texas. „Wir haben uns für mehrere Spiele um Tickets beworben und dieses bekommen.“ Dass ein Vorrundenspiel zwischen Deutschland und Curaçao keinen hohen sportlichen Wert hat, spielt für sie keine Rolle. Es geht ihnen um ein Wochenende mit der Familie und darum, den Kindern ein besonderes Erlebnis zu bieten. Sie haben investiert, sich eingekleidet und sind für einen Tag Deutsche.

Torsten Weidemann aus Berlin kennt diese amerikanische Mentalität gut. Er hat von 2011 bis 2014 in Virginia gearbeitet und lebt seit 2022 in New York. „Es ist beim Sport üblich, sich einen Favoriten zu suchen und den anzufeuern. Die Kriterien sind einfach: Irgendetwas verbindet mich mit dem Team oder einem Spieler, sei es ein früherer Wohn- oder Studienort, oder einfach, weil mir der Name und das Trikot gefallen“, erklärt er. Auch die Schalker Ben und Kevin, die wegen der WM den großen Teich überquert haben, haben festgestellt, dass sich viele in Texas „als Deutsche identifizieren“.

Auf der Main Street begegnet man einem älteren Herren. „Oh, Sie kommen aus Deutschland?“, sagt er und hält die Hand zur Begrüßung aus. Seine Vorfahren wanderten 1912 aus Deutschland aus und hießen Spark. Er lebt in Houston und ist mit seiner Frau, seinem Sohn und seiner Schwiegertochter in der Stadt unterwegs. Zu WM-Spielen gehen sie nicht, da Fußball sie nicht interessiert.

Dennoch hat sich Natalie, die Schwiegertochter, wie ein Fan gekleidet. „Das soll das ikonische deutsche Auswärtstrikot aus den 90er-Jahren sein“, sagt sie über ihr grünes Shirt mit der gezackten Linie in Schwarz-Rot-Gold. „Ich arbeite in einem Lebensmittelmarkt in Houston, und wir hatten neulich eine Aktionswoche mit deutschen Produkten. Dafür hat der Chef diese Shirts verteilt.“

Die Weltmeisterschaft läuft seit einer Woche, doch sie ist schwer zu fassen. Ben aus Gelsenkirchen beschreibt seinen Reiseplan, der ihn aus Kostengründen zunächst nach Las Vegas führt. „Das ist ein dreieinhalbstündiger Flug. So wie von Düsseldorf in die Türkei.“ Und das ist nur ein kleiner Teil der enormen WM-Landkarte, die auch Mexiko und Kanada umfasst. Die WM 2026 erinnert am ehesten an die über den gesamten europäischen Kontinent ausgetragene EM 2021.

Am Sonntagmittag in Houston merkt man wenig von der WM. Im Wolkenkratzer-Viertel sind die Straßen so leer, dass sie als Kulisse für einen Endzeitfilm dienen könnten. Die meisten Restaurants haben geschlossen, nur ein Food Court ist geöffnet. Die Verkäuferin am koreanischen Barbecue-Stand sagt: „Durch den Fußball ist ein bisschen mehr los als sonst.“

Die WM wird in Houston schnell vorüberziehen. Ein Maßstab dafür, ob sie als gelungen bewertet werden kann, wird die Resonanz in New York sein, der Stadt der Städte. Torsten Weidemann, der Wahl-New Yorker, bemerkt: „Hier ist es grundsätzlich schwierig, in dem riesigen Angebot aus Sport und Kultur aufzufallen.“ Wenn die WM ein Thema war, „dann oft in negativen Zusammenhängen: Viele Leute haben sich über das Ticketing beschwert, und die hohen Preise waren ein Thema, obwohl man das hier gewohnt ist.“

Die Drogeriekette CVS brachte bereits im Frühjahr FIFA-Merchandising auf den Markt, dennoch sind WM-Fanartikel im Stadtbild kaum wahrnehmbar, sagt Torsten. Er findet das Angebot „lieblos – ich habe damit noch niemanden gesehen“. Dennoch möchte er betonen, dass das House of German Soccer in New York „eine feine Sache“ sei. Er war zur Eröffnung dort.

Die WM benötigt Zeit, damit sich Geschichten entwickeln, die auch Menschen außerhalb der bisherigen Klientel erreichen (Weidemann: „Europäer, Hispanics, junge Familien mit Bildungshintergrund, hippe Kreise an der Westküste“).

Die deutsche Mannschaft ist, wenn sie kein Spiel hat, vom WM-Betrieb weit entfernt. In der Universitätsstadt Winston-Salem, wo sie trainiert, gibt es abgesehen vom für den DFB hergerichteten Campus-Sportgelände nichts, was auf großen Fußball hinweist. Die Spieler genießen es, unbehelligt zu sein, da sie niemand erkennt. Einige wagten sich sogar in eine Lidl-Filiale (die es auch in den USA gibt).

Alles ist anders, aber das muss nicht schlechter sein. Während der Trinkpausen des Spiels in Houston gab es Livemusik von einer Mariachi-Band. Obwohl die Deutschen gerade ein Gegentor kassiert hatten und sich in einer kritischen Phase befanden, nahmen sie die Musik wahr. „Ich habe zum Videobildschirm hochgeschaut“, räumte Kai Havertz ein. „Ich finde es super, denn die Fans kommen, um unterhalten zu werden.“ Mexikanische Klänge waren ein Hit, „Major Tom“ muss erst noch populär werden.

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