Argentinien im WM-Finale: Die Frage nach der ethnischen Diversität im Kader

Argentinien im WM-Finale: Die Frage nach der ethnischen Diversität im Kader

Argentinien hat erneut den Einzug ins WM-Finale geschafft. Auffällig beim Kader ist, dass er einer der wenigen ohne Spieler afrikanischer Abstammung ist. Warum ist das so?

New York – 19. Juli 2026. Im MetLife Stadium trifft Argentinien im größten Sportereignis der Welt auf Spanien. Die Albiceleste hat es wieder geschafft: Dreieinhalb Jahre nach dem Triumph in Katar steht die Mannschaft um Superstar Lionel Messi erneut im WM-Finale. Die Bilder des Mannschaftsfotos vor dem Spiel am Sonntag werden, unabhängig vom Ausgang, weltweit für Aufsehen sorgen.

Wie bereits bei der WM in Katar wird auch diesmal bei Google eine Suchanfrage in die Höhe schnellen, sobald die argentinische Fußballnationalmannschaft im Fernsehen zu sehen ist: „Warum spielt kein Schwarzer für die argentinische Nationalmannschaft?“ Tatsächlich gehört Argentinien zu den 48 Nationen bei dieser WM, die keinen Spieler afrikanischer Abstammung im Kader hat. Doch warum ist das so?

Um diese Frage zu beantworten, ist ein Blick in die Geschichte Argentiniens notwendig. Das Land am südlichen Ende des Kontinents hat sich nach der Unabhängigkeit von Spanien im 19. Jahrhundert bewusst als europäische Nation neu definiert – politisch, kulturell und demografisch. Benjamin Loy, Professor für lateinamerikanische Literaturen und Kulturen an der LMU München, erklärt im Gespräch mit Absolut Fussball: „Das Bild eines ‚europäischen Argentiniens‘ war immer auch ein politisch erzeugtes nationales Ideal.“

„Die wichtigsten argentinischen Politiker orientierten sich am Ideal der französischen liberalen Republik“, sagt Loy. Dies ging jedoch einher mit der Abwertung jener Bevölkerungsgruppen, die für dieses Projekt aus kulturellen oder „rassischen“ Gründen als ungeeignet galten. Einwanderer aus Spanien und Italien wurden hingegen als Idealeinwanderer betrachtet und prägen bis heute das Erscheinungsbild Argentiniens. Das Land bezeichnet sich stolz als „Nation von den Schiffen“. Dieses Erbe ist bis heute in der Verfassung verankert.

Im 19. Jahrhundert führte Argentinien zudem „brutale Ausrottungskriege gegen die indigene Bevölkerung“ auf eigenem Territorium, erklärt Loy. Forscher sprechen bis heute von „internem Kolonialismus“. Gleichzeitig entstand ein „kulturelles Imaginäres von Weißsein“, in dem selbst Menschen mit indigenen oder gemischten Wurzeln sich als „weiß“ bezeichneten, um politische Vorteile oder soziales Prestige zu erlangen. „Obwohl bedeutende Teile der Bevölkerung mestizisch waren, beförderte die Politik des Staates die Tendenz, dass sich auch solche Personen häufig als ‚weiß‘ bezeichneten“, so Loy.

Eine genetische Regionalstudie hat jedoch ergeben, dass die argentinische Bevölkerung durchschnittlich 65 Prozent europäische, 31 Prozent indigene und 4 Prozent afrikanische Abstammung aufweist. Im Zensus 2022 bezeichneten sich lediglich 0,7 Prozent als afrodescendiente. Loy erklärt: „Abstammung und soziale Selbstidentifikation messen Verschiedenes.“ Das Bild vom homogenen, europäischen Argentinien war politisch gewollt und ist bis heute tief in der Gesellschaft verankert.

Es gibt also nachvollziehbare Gründe, warum in der argentinischen Nationalmannschaft derzeit keine Spieler aus der afroargentinischen Bevölkerung vertreten sind. Loy betont jedoch: „Nur weil aktuell keine Schwarzen in der Albiceleste spielen, heißt das nicht, dass die Mannschaft im Umkehrschluss ‚weiß‘ ist.“

In der Vergangenheit hatte Argentinien durchaus Spieler mit afrikanischen Wurzeln, wie Alejandro de los Santos oder Hector Baley. Es gibt jedoch keinen Beleg für eine gezielte ethnische Auslese in der Albiceleste: „Strukturelle Nachteile können vielmehr durch Armut, regionale Unterschiede und ungleichen Zugang zu professionellen Nachwuchsstrukturen entstehen. Argentinien ist kein Land, das mehr oder weniger rassistisch ist als andere Länder in Südamerika.“

Nach dem Sieg gegen England im WM-Halbfinale äußerte Trainer Lionel Scaloni zudem einen Satz, der den Charakter der Albiceleste besser beschreibt: „Ich weiß, wie sie sind, sie sind Indios im besten Sinne des Wortes: Aufgewachsen in Umgebungen, in denen sie gelernt haben, vor nichts Angst zu haben.“ Scaloni versteht den Begriff „indio“ positiv: Es stehen nicht ethnische Zuschreibungen, sondern Werte im Vordergrund. Loy schlussfolgert aus Scalonis Aussagen: „Ein würdiger Spieler Argentiniens ist einer, der bis zum Schluss kämpft, egal woher er kommt.“

Dass der argentinische Nationaltrainer jedoch auf die soziale Herkunft seiner Spieler anspielt, ist aufschlussreich. „Tatsächlich repräsentiert die argentinische Nationalmannschaft die Gesellschaft sehr gut, aber weniger in einem ‚ethnischen‘ Sinne als vielmehr durch die Tatsache, dass die meisten ihrer Spieler aus der Mittel- oder Unterschicht stammen und ihre Karrieren bei ‚clubes de barrio‘, also kleinen Stadtteil-Vereinen, begonnen haben. Wenn die Argentinier also etwas auszeichnet, dann dieser Aufstiegs- und Kampfeswille, der mit der eigenen Aufstiegsbiografie zu tun hat, aber nicht mit ethnischen Kategorien“, sagt Loy.

Rassismus war in Argentinien lange ein tabuisiertes Thema. „Der verbreitete Satz, in Argentinien gebe es ‚keine Schwarzen‘, erlaubte es, Rassismus zu leugnen und ethnische Ausgrenzung stattdessen als Klassen- oder Herkunftsfrage zu behandeln“, erklärt Loy. Seit den 2000er-Jahren stellen afroargentinische Organisationen, Wissenschaft und staatliche Programme diese Erzählung zunehmend infrage. Doch vollständig aufgearbeitet ist sie nicht – im Gegenteil: Präsident Javier Milei befeuert das alte Selbstbild aktiv wieder.

Die Frage nach afroargentinischen Spielern in der Albiceleste mit europäischen Kategorien zu beantworten, ist jedoch ein grundlegender Fehler. In Argentinien und Südamerika funktionieren ethnische Begriffe anders. Als der uruguayische Stürmer Edinson Cavani einen Freund nach einem Spiel liebevoll „negrito“ nannte – in Lateinamerika ein gängiger Kosename – wurde er von der Premier League wegen angeblicher Rassendiskriminierung gesperrt.

Loy nennt dies ein warnendes Beispiel dafür, „wohin solche Unkenntnis von Begriffen und Konzepten führen kann“. Die Frage, warum keine schwarzen Spieler für Argentinien spielen, ist vielschichtig. Rassismus innerhalb der Albiceleste hat jedoch nichts damit zu tun. Für die Geschichte Argentiniens gilt das – wie überall auf der Welt.

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