Kylian Mbappé: Der Superstar im Fokus der WM 2023
Kylian Mbappé ist fest entschlossen, die WM zu seiner Bühne zu machen und strahlender als Lionel Messi hervorzugehen. Doch vorerst liegt sein Fokus auf dem bevorstehenden Spiel gegen Spanien.
In der letzten Woche dieser Weltmeisterschaft lohnt es sich, einen Blick in den ersten Stock des Nationalen Zentrums für Bürger- und Menschenrechte in Atlanta zu werfen. Dort hängen in einer Fußball-Sonderausstellung die Originaltrikots von Weltstars, die mit persönlichen Widmungen versehen sind. Pelé, Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Kylian Mbappé bilden eine beeindruckende Einheit.
Die bunten, bekannten Jerseys ziehen viele Besucher an, die länger verweilen. Dabei fällt auf, dass nur Mbappé seinen Schriftzug zwischen die große Null gemalt hat – mit einem goldenen Stift und einem zusätzlichen Kringel, der die Zahl zehn integriert. Dies zeugt von seinem Bedürfnis nach Anerkennung. Wird die Nummer zehn der Franzosen auch die große Nummer dieser XXL-WM?
Seine acht Tore in diesem Turnier sind beeindruckend, doch nun wird es ernst. Bevor sich der 27-Jährige erneut mit Lionel Messi im WM-Finale messen kann, steht zunächst das Halbfinale gegen Spanien an. Dieses Spiel in Arlington bei Dallas (Mittwoch, 21 Uhr MESZ/ZDF und MagentaTV) wird unter dem Motto stehen, ob der beste Individualist sich gegen das stärkste Kollektiv durchsetzen kann. Mbappé wird sich gegen eine Mannschaft behaupten müssen, die ihre Tore auf mehrere Spieler verteilt hat, während er an über zwei Dritteln der Tore der Franzosen beteiligt war.
Auf der einen Seite steht das System von Didier Deschamps, das einen torgefährlichen Angreifer fördert; auf der anderen Seite der Stil von Luis de la Fuente, bei dem am Ende jemand den Ball über die Linie drückt. Frankreichs Heldenfußball stieß vor zwei Jahren im EM-Halbfinale gegen das kombinierte Spiel Spaniens an seine Grenzen. An diesem Abend in München hatte Mbappé nur 29 Ballkontakte, während Spaniens Torwart Unai Simon 48 hatte. Die Frage, wer den Titel in Deutschland verdient hat, war damit klar.
Mbappé will nun einen Gegner eliminieren, der keinen seiner Klubkollegen im Kader hat. Diese Randnotiz ist bemerkenswert. Seit dem Auftakt gegen Senegal (3:1) ist zu spüren, wie sehr ihn die große Bühne antreibt. Vielleicht kommt der Junge aus Bondy, der im Pariser Banlieue von seiner heutigen Rolle träumte, wieder zum Vorschein.
Nichts strahlt mehr aus Kinderaugen als eine WM. Die Inszenierung in den NFL-Tempeln verdeutlicht den Stars diese Dimension. Bei der WM bedeckt eine Nationalflagge fast die gesamte Platzhälfte, während das Sternenbanner bei der Champions League am Anstoßkreis fast lächerlich wirkt.
Mbappé kennt die Königsklasse bestens, und Heimspiele im Bernabéu sind für ihn Alltag. Für den Spieler von Paris Saint-Germain, der früh mit Abermillionen verwöhnt wurde, um seinen Wechsel nach Madrid hinauszuzögern, geht es mittlerweile um mehr als nur den Fußball. „Mein Ziel ist es, die Geschichte meines Landes zu prägen“, erklärte er. Als die Zeitung Le Parisien ihn vor der WM fragte, ob er Präsident werden wolle, antwortete er: „Viele schlagen mir das vor, aber das gehört nicht zu meinen Plänen. Ich werde ohnehin schon genug gehasst.“
Diese Hasskommentare haben weniger mit seinen fußballerischen Leistungen als mit seiner politischen Haltung zu tun. Er tritt offensiv gegen rechtsextreme Tendenzen auf und scheut sich nicht, Marine Le Pen und ihre Anhänger zu kritisieren. Vor der Parlamentswahl vor zwei Jahren appellierte er: „Wir müssen uns über unsere Werte identifizieren, und dazu gehören auch Vielfalt, Toleranz und Respekt.“ Diese Werte fehlen erneut.
Jüngst äußerte sich der spanische Ex-Regierungschef Mariano Rajoy in einer Kolumne und kritisierte, dass Frankreichs Kader zwar „von höchstem Niveau“ sei, aber „ohne Franzosen“ spiele. Mbappés Mutter stammt aus Algerien, sein Vater aus Kamerun. Er wuchs im Département Seine-Saint-Denis auf, das als einer der besten Ausbildungsorte für Frankreichs Fußball gilt.
Dieser Umstand wird Mbappé eher anspornen. Dafür steht er, dafür kämpft er. 180 Millionen Menschen folgen ihm in den sozialen Medien. Vor dem Achtelfinale gegen Paraguay (1:0) wurde er von Senatorin Celeste Amarilla de Boccia rassistisch beschimpft, woraufhin er antwortete: „Madame Celeste Amarilla, Sie sind eine verachtenswerte Frau, die ihres Amtes unwürdig ist.“ Die vielen Angriffe der Paraguayer prallten an ihm ab, als interessiere ihn das nicht. Ungerührt verwandelte er den Elfmeter, der zum Weiterkommen führte.
Nach dem Spiel sagte er, dass sein Team nicht nur im Smoking gewinnen könne. Um es nicht nach zu viel Mühe aussehen zu lassen, erzielte er im Viertelfinale gegen Marokko (2:0) ein kunstvolles Tor. Ein Meisterwerk. Er hat nun 20 WM-Tore in 20 WM-Spielen erzielt. Spätestens in vier Jahren könnte Messi den Titel des WM-Rekordtorschützen wieder verlieren. Oder vielleicht sogar schon in den kommenden Tagen?
Seine erste große Bühne betrat er bei der WM 2018. Als Didier Deschamps mit Les Bleus als Geheimfavorit nach Russland reiste – zwei Jahre zuvor war der Titeltraum bei der Heim-EM geplatzt – erwischte Mbappé sofort die richtige Welle. Im Achtelfinale schickten sie die offensiv eingestellten Argentinier mit einem 4:3 auf die Heimreise, wobei Mbappé zweimal traf. Im Finale gegen Kroatien (4:2) zeigten die Franzosen dann wieder ihr volles Potenzial – der Erfolg gab ihnen recht. Mbappé wurde mit 19 Jahren Weltmeister.
Über dieses Turnier erklärt sich die besondere Verbindung zu Deschamps, der von Anfang an eine Beziehung zu Mbappé aufbaute, die viele seiner Landsleute polarisierte. Ein Tiefpunkt war die EM 2021, während derer er aufgrund rassistischer Angriffe, die ihn als „Affen“ bezeichneten, stark litt, nachdem er einen Elfmeter im Achtelfinale gegen die Schweiz verschoss. Bereits zur WM 2022 in Katar fanden alle wieder zusammen.
Mbappé war in der Wüste da, wenn es darauf ankam, insbesondere im denkwürdigen Finale, als sich Argentinien als sicherer Sieger wähnte, ehe der Torschützenkönig Mbappé einen Dreierpack schnürte. Doch nach dem Elfmeterschießen jubelte nur Messi. Damals im Lusail, einem goldenen Tempel in Doha, eilte sogar Emmanuel Macron zu ihm, um ihn zu trösten. Der Staatspräsident sucht häufiger seine Nähe.
Es wird berichtet, dass Macron ihn mehrfach angerufen hat, um ihn vom Wechsel nach Spanien abzubringen. Nachdem Mbappé jedoch Paris verließ, gewann der Hauptstadtklub unter dem Spanier Luis Enrique zweimal in Folge die Champions League. Seitdem zählt bei PSG das Kollektiv.
Jetzt stehen dem französischen Kapitän mit seiner beeindruckenden Bilanz (104 Länderspiele/64 Tore) spanische Gegner gegenüber, die ihn aus der Liga gut kennen. Doch auch bei seiner dritten WM hat ihn bisher kaum jemand aufhalten können. Mit einer Finte oder einem Antritt kann er immer entwischen. Er fordert die Bälle von Spielmacher Michael Olise oder den Außenspielern Ousmane Dembélé und Désiré Doué. Als ihn der eingewechselte Rayan Cherki zuletzt einmal übersah, winkte er nur ab.
Doch die divenhafte Attitüde, die ihm manchmal nachgesagt wird, könnte sich als hinderlich erweisen. Der Druck auf Mbappé ist enorm, und die Erwartungen sind hoch. Doch der Superstar ist bereit, sich dieser Herausforderung zu stellen und seine Fähigkeiten auf der größten Bühne des Fußballs zu demonstrieren.