Mexiko vor der Fußball-WM 2026: Drogenkartelle und Menschenrechtslage im Fokus
In der Nähe eines WM-Stadions wurden 500 Plastiksäcke mit Leichenteilen in Massengräbern entdeckt. Vor dem Turnier steht Mexiko unter dem Einfluss der Drogenkartelle.
Mexiko-Stadt/Guadalajara – Am 11. Juni 2026 wird im legendären Aztekenstadion der Anpfiff zur Fußball-Weltmeisterschaft ertönen. Damit wird Mexiko zum dritten Mal nach 1970 und 1986 Gastgeber eines solchen Turniers und ist das erste Land in der Geschichte der WM, das diese Ehre erhält. Doch vor dem Turnier stehen nicht nur sportliche Aspekte im Vordergrund; auch die Schattenseiten des Fußballfestes werfen Fragen auf: Drogengewalt, Massengräber und Menschenrechtsverletzungen. Wie gefährlich ist Mexiko wirklich?
Die Menschenrechtslage in Mexiko ist vor der WM angespannt, warnt Amnesty International. Maja Liebing, Amerika-Referentin bei Amnesty International in Deutschland, äußert: „In Mexiko bereiten uns insbesondere der Einsatz des Militärs im Inneren, das Verschwindenlassen von Menschen, die Gewalt gegen Journalisten und queere Menschen sowie Einschränkungen von Protesten Sorge.“
Die Situation rund um den WM-Spielort Guadalajara ist besonders problematisch. Laut einem Bericht der spanischen Zeitung El País wurden in und um die Millionenstadt im Bundesstaat Jalisco „mindestens ein Dutzend“ Massengräber entdeckt. In vier Gräbern, die weniger als 20 Kilometer vom WM-Stadion Akron entfernt liegen, fanden Suchtrupps von Angehörigen der über 100.000 vermissten Personen in Mexiko 500 Plastiksäcke mit Leichenteilen. Diese Menschen gelten als Opfer der Drogengewalt. „In Jalisco werden die Vermissten zum Verschwinden gebracht“, zitiert El País eine beteiligte Person des Suchtrupps.
Offiziellen Angaben zufolge gelten derzeit mehr als 130.000 Menschen in Mexiko als verschwunden, wie das Mexiko-Büro der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) auf Anfrage der Frankfurter Rundschau erklärt. Johannes Hügel, Leiter des KAS-Auslandsbüros, sagt: „Der Großteil dieser Fälle stammt aus der Zeit seit 2006, als der mexikanische Staat den militarisierten Krieg gegen die Drogen begann. Viele Verschwundene werden direkt oder indirekt mit organisierter Kriminalität und den Kartellen in Verbindung gebracht“ – darunter entführte Migranten, zwangsrekrutierte Jugendliche, Journalisten, Aktivisten oder Personen, die zufällig in Konfliktzonen geraten sind. In Mexiko wird daher von einer „Krise des Verschwindenlassens“ gesprochen.
Die Lage eskalierte Anfang 2026, als am 22. Februar Nemesio Oseguera Cervantes, alias „El Mencho“, der Anführer des mächtigen Kartells Jalisco Nueva Generación (CJNG), starb. Dies führte zu Straßenblockaden, brennenden Fahrzeugen, Angriffen auf Sicherheitskräfte und Flugausfällen in mehreren Bundesstaaten. „Das hat deutlich gemacht, über welche Mobilisierungskraft die Kartelle weiterhin verfügen“, sagt Hügel. Zwar hat sich die Lage inzwischen beruhigt, doch die strukturellen Probleme bleiben bestehen. „Die organisierte Kriminalität rund um den Drogenhandel gehört seit Jahren zu den größten sicherheitspolitischen Herausforderungen Mexikos.“
Die beiden mächtigsten Organisationen, das Sinaloa-Kartell und das CJNG, agieren mittlerweile wie transnationale Unternehmen mit internationalen Netzwerken, bewaffneten Strukturen und enormen finanziellen Ressourcen. Ihr Einfluss erstreckt sich vielerorts bis in Politik, Polizei und Wirtschaft. Hauptsächlich werden Kokain, Methamphetamine und zunehmend Fentanyl geschmuggelt. 90 Prozent des in Mexiko hergestellten Fentanyls gelangen über die Grenze in die USA, den größten Drogenmarkt der Welt. „Mexikanische Kartelle importieren chemische Vorprodukte vor allem aus Asien, produzieren die Substanzen in illegalen Laboren und schmuggeln sie überwiegend über die Landgrenze in die Vereinigten Staaten“, erklärt Hügel. „Der Drogenhandel spielt für Mexiko wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich eine immense Rolle.“
Für die Bevölkerung bedeutet dies in vielen Regionen Unsicherheit und Gewalt. „Entführungen, Erpressungen, Verschwindenlassen und bewaffnete Auseinandersetzungen gehören zum Alltag in einigen Bundesstaaten“, sagt Hügel. Besonders betroffen sind die Bundesstaaten Sinaloa, Michoacán, Guerrero und Jalisco, wo in Guadalajara vier WM-Spiele stattfinden werden.
Trotz der besorgniserregenden Lage gibt Hügel Entwarnung für WM-Besucher: „Es ist derzeit nicht zu erwarten, dass Kartelle gezielt Infrastruktur und Orte, die im Rahmen der WM stehen, angreifen würden.“ Die Kartelle hätten kein Interesse daran, internationale Großveranstaltungen oder Touristen direkt ins Visier zu nehmen, da dies massiven internationalen Druck und schärfere Sicherheitsmaßnahmen nach sich ziehen würde. Für WM-Besucher sei die Gefahr „vergleichsweise gering“, insbesondere da die mexikanische Regierung mit rund 100.000 Sicherheitskräften präsent sein werde.
Hügel warnt jedoch davor, Mexiko ausschließlich als Krisenstaat darzustellen: „Das Land verfügt über eine stabile Volkswirtschaft, eine starke industrielle Basis und hochmoderne urbane Zentren.“ Die Probleme sind real und tiefgreifend, unterscheiden sich jedoch regional stark. Wirtschaftliche Modernität und strukturelle Krisen existieren nebeneinander. „Mit Blick auf die Fußball-WM bedeutet dies, dass man das Land durchaus besuchen und touristisch genießen kann“, schließt Hügel. Deutsche Fans müssen sich mit dieser Frage jedoch nicht beschäftigen, da das DFB-Team seine Gruppenspiele in den USA und Kanada bestreiten wird. Sollte Deutschland in der Gruppe mindestens Zweiter werden, sind auch in der K.-o.-Runde keine Spiele in Mexiko vorgesehen.