SV Wehen Wiesbaden im DFB-Pokal: Ein Schritt in die richtige Richtung
Der SV Wehen Wiesbaden, ein fleißiger Drittligist, sieht im DFB-Pokal eine wertvolle Gelegenheit, seine Entwicklung voranzutreiben und möglicherweise länger im Profifußball aktiv zu bleiben.
In der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden denkt man nicht sofort an Fußball. Die Stadt ist bekannt für ihr historisches Kurhaus, wohlhabende Wohngegenden und exzellenten Wein. Daher tritt der SV Wehen Wiesbaden im DFB-Pokal gegen den FC Bayern München (Mittwoch, 20:45 Uhr/ZDF und Sky) auch gegen diese Klischees an.
Um möglichst vielen Menschen aus der Stadt den Besuch zu ermöglichen, hat der Drittligist schnell Büroräume in VIP-Logen umgewandelt. Auch DFB-Sportdirektor Rudi Völler und Bundestrainer Julian Nagelsmann haben sich angekündigt, direkt nach der Bekanntgabe des Kaders auf dem Campus in Frankfurt nach Wiesbaden zu reisen.
In der Vergangenheit haben einige Bundesligisten im Pokal in Wiesbaden gespielt: FSV Mainz 05 (2024/1:3 n.V.), RB Leipzig (2023/2:3) und Borussia Dortmund (2021/0:3) hatten teils Mühe, die erste Runde zu überstehen. Die Bayern haben den Pokal seit fünf Jahren nicht mehr gewonnen und scheiterten dreimal in der zweiten Runde, einmal gegen den Drittligisten 1. FC Saarbrücken. An diesem Spieltag reist das Starensemble erst am Spieltag an. Öffnet sich also eine Tür für den Underdog?
Trainer Nils Döring betonte auf der Pressekonferenz, dass er keine Kampfansage machen werde, jedoch zeigte sich der 45-Jährige kämpferisch: „Gegen Bayern geht es in erster Linie um Ordnung, Disziplin und eine klare Verteidigungshaltung. Trotzdem wollen wir mutig und aktiv spielen.“ Er muss seine Mannschaft nicht motivieren; vielmehr muss er sie manchmal bremsen. „Es ist wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren, denn an einem besonderen Tag kann die Mannschaft Außergewöhnliches leisten. Die Jungs brennen!“ Döring erinnerte daran, dass der Gewinn des Hessenpokals keine Selbstverständlichkeit ist, wenn die Gegner FSV Frankfurt, Kickers Offenbach und Hessen Kassel heißen.
In der Umgebung gibt es viele Traditionsvereine, die sich über den Status quo freuen würden. Sport-Geschäftsführer Uwe Stöver weiß jedoch, wem der Verein seinen Erfolg zu verdanken hat: „Ohne die Firma Brita wäre es sehr schwierig, hier professionellen Fußball anzubieten.“
Markus Hankammer führte das Erbe seines Vaters Heinz fort, der 1979 mit dem Familienunternehmen, das sich auf die Herstellung von Wasserfiltern spezialisiert hat, in den Verein eintrat. In den letzten 20 Jahren spielte der SV Wehen Wiesbaden dreimal für kurze Zeit in der Zweiten Bundesliga, stieg 2020 und 2024 nach dem Aufstieg jedoch gleich wieder ab.
Der SV Wehen Wiesbaden ist gewissermaßen ein typischer Drittligist – und doch nicht, weil die Strahlkraft vieler namhafter Konkurrenten fehlt. „Standort, Stadion, Zuschauer- und Mitgliederzahlen sind noch keine Garantie für Erfolg“, erklärt Stöver, „wir wollen uns mit unseren Mitteln positionieren.“ Ein Drittligist setzte in der Saison 2023/24 durchschnittlich 16 Millionen Euro um, wobei der Personalaufwand bei 5,5 Millionen Euro lag. In Wiesbaden könnte es etwas mehr sein, wobei Stöver die SV Elversberg als Beispiel erwähnt. In der saarländischen Provinz gelang es, was in der hessischen Nische noch nicht geschafft wurde: einen etablierten Zweitligisten zu formen.
Stöver erkennt an, dass der Leuchtturm Eintracht Frankfurt und auch der FSV Mainz 05 die meisten Fußball-Interessierten in der Region anziehen. Der engagierte Manager ist in der Region verwurzelt, seit er in den 90er Jahren selbst für die Nullfünfer gespielt hat, „vor 3000 Zuschauern in einem alten Stadion“. Angesichts dessen ist sein Verein weiter, da er in dieser Saison „die vorderen Plätze angreifen“ möchte. Daher war die 3:4-Heimniederlage gegen Rot-Weiss Essen am Freitag ein empfindlicher Rückschlag.
Wie RWE das Pokalderby gegen Dortmund (0:1) genossen hat, möchte auch der SVWW von der Aufmerksamkeit durch die Live-Übertragung profitieren. Die nach dem Geldgeber benannte Arena mit 12.500 Plätzen ist endlich ausverkauft. Die frühere Heimat war ein zugiger Sportplatz auf dem Halberg, denn der 1926 gegründete Verein hat seine Wurzeln in Taunusstein. Das genaue Gründungsdatum ist unbekannt, weshalb die 100-Jahr-Feier ins nächste Jahr gestreckt wird.
Der Zusatz „Wiesbaden“ kam erst später hinzu, doch Tobias Keller hat schnell festgestellt, dass die Integration lange dauert. Bis heute gibt es Fans, die nur „SV Wehen“ rufen und „Wiesbaden“ weglassen, wunderte sich der 35-Jährige, der seit dem 1. Juli die Gesamtverantwortung übernommen hat. Zuvor war er Sprecher der Geschäftsführung beim VfB Stuttgart und arbeitete an der strategischen Neuausrichtung und dem Umbau der Arena für die EM 2024 mit.
Das Pokal-Highlight kommt ihm gelegen, um „Markeneffekte und Fanentwicklung“ voranzutreiben. Vielleicht ist die Imagewerbung sogar wichtiger als der sechsstellige Gewinn aus Pokalprämien und Zuschauereinnahmen. Übrigens feiert der neue SVWW-Macher am Spieltag Geburtstag, und was er sich wünschen würde, kann sich jeder denken.