Transfer Saga: Nick Woltemade und der FC Bayern
Der Wechselwunsch von Nick Woltemade ist unmissverständlich: Der Spieler möchte künftig für den FC Bayern München auflaufen. Doch der VfB Stuttgart bleibt hartnäckig und zeigt sich unkooperativ. Ein Kommentar.
Stuttgart/München – Diese Transfergeschichte zählt zu den außergewöhnlichsten in der Geschichte der Fußball-Bundesliga: Der FC Bayern bietet für einen Spieler, der vor einem Jahr nur Insidern bekannt war und ablösefrei vom SV Werder Bremen zum VfB Stuttgart gewechselt ist, eine Rekordsumme nach der anderen, doch in Stuttgart bleibt man stur. Sowohl Woltemade als auch sein Berater Danny Bachmann sind zunehmend genervt, enttäuscht und entsetzt über die Situation.
Nach übereinstimmenden Medienberichten hat der FC Bayern am Mittwoch einen dritten Versuch unternommen, den zweimaligen Nationalspieler nach München zu holen. In einem direkten Austausch zwischen den Vereinsvertretern wurde ein Angebot unterbreitet, das dem VfB eine feste Ablöse von 60 Millionen Euro, zusätzlich 5 Millionen Euro an Bonuszahlungen sowie eine 10-prozentige Weiterverkaufsbeteiligung eingebracht hätte. Der VfB Stuttgart lehnte jedoch erneut ab.
Laut Sky-Reporter Florian Plettenberg herrschte nach dem etwa 20-minütigen Videocall spürbare Frustration. Ein weiterer Grund für die Unzufriedenheit ist, dass Woltemade und sein Berater beim ablösefreien Wechsel aus Bremen im Sommer 2024 eine Weiterverkaufsbeteiligung vereinbart hatten, die im Falle eines Transfers zu Bayern etwa 10 Millionen Euro betragen würde. Um den Deal voranzutreiben, ist die Seite des 23-Jährigen nun bereit, auf diese Summe zu verzichten.
Für den VfB würde das bedeuten: Neben den angebotenen 65 Millionen Euro kämen faktisch weitere 10 Millionen Euro Ersparnis hinzu, was das Gesamtpaket auf 75 Millionen Euro erhöhen würde. Berichten zufolge wäre der Pokalsieger ab 70 Millionen Euro erneut gesprächsbereit. Woltemades Entgegenkommen scheint in dieser Kalkulation jedoch ignoriert zu werden.
Transferexperte Fabrizio Romano berichtet, dass die Bayern dennoch an einem erfolgreichen Abschluss festhalten. Besonders der Vorstandsvorsitzende Jan-Christian Dreesen treibt die Gespräche weiter voran. Der Poker ist also noch nicht beendet.
Unterdessen zeigt sich Woltemade, der U21-Vize-Europameister, erstmals öffentlich unzufrieden. Bei einem öffentlichen Training des VfB Stuttgart wirkte er laut kicker ungewöhnlich passiv. Anstatt mit vollem Einsatz zu trainieren, saß er zeitweise teilnahmslos auf einem Ball und beobachtete das Geschehen. Nach dem Training verließ er den Platz ohne Autogramme zu geben und ging direkt in die Kabine – ein ungewohntes Bild für den sonst so engagierten Offensivspieler.
Sein Berater Danny Bachmann hatte in den vergangenen Tagen persönlich in München mit den Bayern-Bossen über eine Lösung der verfahrenen Situation gesprochen. Nach dem gescheiterten dritten Versuch übte er erneut scharfe Kritik am VfB: „Die von Herrn Wehrle in dieser Woche geforderte Lösung im Rahmen einer fragwürdigen Deadline wurde heute mit dem Gesamtpaket von Interessent und Spielerseite in Höhe von mehr als 60 Millionen Euro plus Weiterverkaufsbeteiligung geliefert.“
Die Forderungen des VfB seien „marktfremd“ und stünden „im krassen Widerspruch“ zu vorherigen Absprachen, insbesondere da Woltemade vor einem Jahr ablösefrei gekommen sei und im Gehaltsgefüge nur im unteren Mittelfeld des VfB liege. Der Poker um den Nationalstürmer hat damit eine neue emotionale Dimension erreicht. In den letzten zwölf Monaten wurde ihm in Stuttgart keinesfalls der rote Teppich ausgerollt.
Obwohl Woltemade in der Endphase der Saison 2023/24 in Bremen Stammspieler war, fand er sich in Stuttgart zunächst ausschließlich auf der Ersatzbank wieder. Coach Sebastian Hoeneß und die VfB-Verantwortlichen hatten so wenig Vertrauen in seine Leistungen, dass sie ihn nicht einmal für die Champions-League-Phase meldeten. Ein großer Fehler des Vereins, der letztendlich als deutscher Vizemeister sang- und klanglos ausschied.
Kurz vor Weihnachten 2024 wurde der 23-Jährige schließlich Stammspieler in Stuttgart, zeigte beständige Leistungen und traf regelmäßig in der Bundesliga sowie im DFB-Pokal, wo er den VfB als Torschützenkönig zum Gewinn führte. Sein Marktwert stieg in der Rückrunde von einem mittleren einstelligen Millionenwert auf 30 Millionen Euro zum Ende der Saison. Auch bei der U21-EM glänzte er, wurde erneut Torschützenkönig und führte die DFB-Auswahl zum Vize-Titel.
Diese Entwicklung blieb in Stuttgart nicht unbemerkt – sowohl wohlwollend als auch besorgt. Man bot ihm eine Gehaltserhöhung von 1,5 Millionen auf 2,5 Millionen Euro an, wenn er seinen Vertrag verlängern würde. Zum Vergleich: Deniz Undav und Chris Führich verdienen im selben Klub jeweils 4,5 Millionen Euro. Berichten zufolge soll Woltemade, mit einer Körpergröße von 1,98 Metern, dies verwundert und verärgert abgelehnt haben. Kein Wunder, dass er offen für das Interesse des FC Bayern war: Dort könnte er einen Vertrag bis 2030 unterschreiben und jährlich 7,5 Millionen Euro plus 2,5 Millionen Euro an möglichen Bonuszahlungen verdienen.
Und was taten die Schwaben? Sie ignorierten mehr oder weniger die Angebote des deutschen Rekordmeisters. Das zweite Angebot der Bayern, das den aktuellen Marktwert des zweimaligen deutschen A-Nationalspielers mit 50 Millionen Euro plus 5 Millionen Euro an Boni fast verdoppelte, wurde nicht einmal für ein persönliches Treffen gewürdigt. Bachmann äußerte sich bereits im Juli fassungslos: „Wenn ein Bundesliga-Rekordangebot von 55 Millionen nicht einmal für ein persönliches Treffen reicht, stellt sich die Frage, was der VfB als außergewöhnlich erachtet. Das war so nicht abzusehen.“
Tatsächlich gab es in der 62-jährigen Geschichte der Bundesliga noch nie einen so teuren Wechsel innerhalb der Liga, und der VfB-Transfereinnahme-Rekord (Benjamin Pavard, 32 Millionen) würde dabei nahezu pulverisiert werden.
Bis heute ist nichts darüber bekannt, dass die Verantwortlichen in Stuttgart das vergleichsweise bescheidene aktuelle Salär von Woltemade in diesem Kontext erhöhen wollten. Wohl auch in dem Wissen, dass der Shooting-Star der vergangenen Bundesliga-Saison seine sportliche Zukunft ausschließlich beim amtierenden Deutschen Meister sieht. Er und sein Berater zeigen dem Noch-Verein ein großes, bislang offenbar ignoriertes Entgegenkommen.
Wie motiviert würde ein Fußballprofi in die nächste Saison mit einem Verein gehen, der ihn permanent enttäuscht hat? Ein erfolgreiches Kapitel zwischen dem VfB Stuttgart und Nick Woltemade scheint längst nicht mehr vorstellbar. Es geht auch um einen respektvollen Umgang miteinander, der im aktuellen Verhalten der Schwaben das krasse Gegenteil darstellt.