Erwin Kostedde: Ein Blick auf das bewegte Leben des ersten schwarzen Nationalspielers Deutschlands
Erwin Kostedde, eine Legende des SV Werder Bremen, blickt auf ein bewegtes Leben zurück und kann seine Verbitterung nicht verbergen.
Bremen – Immer wieder der gleiche Ablauf, der sich ständig wiederholt. Es erinnert an den berühmten Silvester-Klassiker „Dinner for One“. „Es ist wie immer“, berichtet Journalist Alexander Heflik, der eine Biografie über Erwin Kostedde verfasst hat und somit direkten Zugang zu dem öffentlichkeitsscheuen Ex-Profi des SV Werder Bremen hat, der am Donnerstag seinen 80. Geburtstag feiert. Wenn er nach dessen Wohlbefinden fragt, erhält er stets die gleiche lapidare und ernüchternde Antwort: „Schlecht, mir geht es schlecht.“ So geht es seit Jahren. Der Autor aus Münster, dessen Buch den Titel „Erwin Kostedde: Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler“ trägt, hat es nicht anders erlebt. Er begegnet ständig einem gebrochenen Menschen, der sowohl physisch als auch psychisch angeschlagen ist. Kostedde hat sich weitgehend aus der Gesellschaft zurückgezogen und kann seine Verbitterung nicht verbergen. Er hat es nicht geschafft, mit sich im Reinen zu sein, nach einer Karriere, die mehr Tiefen als Höhen verzeichnete.
„Hättest du bloß nicht gegen den Ball getreten“, verfällt der Senior seit Jahren in Selbstmitleid. „Wärst du lieber etwas Anständiges geworden.“ Die Zweifel waren für Erwin Kostedde schon immer präsent. Seinen Ehrentag verbringt er ebenso still und einsam wie sein gegenwärtiges Leben in Everswinkel, einem kleinen Dorf in Westfalen mit 10.000 Einwohnern. Abgeschottet und ohne Kontakt zu den wenigen Menschen, die ihm nahe stehen, ist nur sein Sohn eine Ausnahme. Diese Lebenssituation hat sich seit dem Tod seiner Frau Monika, der Liebe seines Lebens, im Jahr 2019, noch verschärft. Ihr Tod, ein weiterer Wendepunkt, hat Schuldgefühle bei dem ehemaligen Stürmer ausgelöst, der von 1980 bis 1982 das Trikot des SV Werder Bremen trug und mehrfach Suizidgedanken äußerte, „weil ich nicht genug aus meinen Fähigkeiten gemacht habe“. Trotz allem bewertet er seine Zeit in Bremen auf Nachfrage der DeichStube mit den Worten „Super“. Er ergänzt: „Das gesamte Umfeld dort hat damals für mich alles gepasst.“
Erwin Kostedde erinnert sich an den „grandiosen Aufstieg“, den er in der Zweitliga-Saison 1980/81 mit 29 Toren mitgestaltet hat. Er erwähnt auch die Skepsis, die ihm entgegenschlug: „Ich habe oft gehört: Was wollen die mit dem Alten?“ Doch er bewies den Pessimisten das Gegenteil und wurde 1981 zu Bremens Sportler des Jahres gewählt. „Wenn ich früher zu Werder gekommen wäre, hätte ich dem Club noch viel mehr geben können“, sagt er heute. Das Intermezzo am Osterdeich bleibt ein Höhepunkt in Kosteddes sportlicher Laufbahn. Weitere Erfolge feierte er vor allem im Ausland: Er wurde 1970/71 Torschützenkönig in Belgien bei Standard Lüttich (26 Tore) und 1979/80 auch in Frankreich bei Stade Laval (21 Tore). In Deutschland erzielte Kostedde 1974 das Tor des Jahres und traf in 219 Bundesliga-Partien insgesamt 98 Mal. „Ich war jung und spielte wie ein junger Gott. Alles ist mir zu Kopf gestiegen“, erinnert er sich rückblickend.
Der ausgebildete Diplom-Sportlehrer gesteht heute, dass er sich oft selbst im Weg stand und sich mit einigen Eskapaden selbst aus der Bahn warf. Alkohol spielte gelegentlich eine Rolle, ebenso nächtliche Streifzüge. „Ich hätte nie der Trainer von mir selbst sein wollen“, gibt der Ex-Profi des SV Werder Bremen zu. „Ich war ein schwieriger Typ, auf den sich keiner verlassen konnte.“ Das Leben war in mancher Hinsicht nicht gut zu ihm. Durch dubiose Anlagengeschäfte verlor Erwin Kostedde einen Großteil seines Vermögens, Ersparnisse in Millionenhöhe. Zudem geriet er ohne eigenes Zutun 1990 in einen Justizskandal, als ihm vorgeworfen wurde, einen Raubüberfall in einer Spielhalle in Coesfeld begangen zu haben. Dies führte zu einem halben Jahr Untersuchungshaft – zu Unrecht, wie sich herausstellte. Die Ermittlungsbehörden mussten dilettantische Fehler eingestehen, und neben seiner Freilassung erhielt er lediglich 3.000 D-Mark als Entschädigung.
Ein weiteres bizarres Detail in der Biografie des Sohnes eines afroamerikanischen Soldaten und einer deutschen Mutter. „Eine Sensation in der Presse“ sei er anfangs gewesen, weshalb alle Augen auf ihn gerichtet waren. „Ich musste besser sein als meine weißen Kollegen“, sagt Kostedde. Ins Rampenlicht rückte er endgültig am 22. Dezember 1974, als er beim EM-Qualifikationsspiel auf Malta beim nervenaufreibenden 1:0-Sieg zum ersten dunkelhäutigen Nationalspieler Deutschlands avancierte. Das änderte jedoch nichts an seinem grundsätzlichen Empfinden: „Ich fühlte mich wie ein Außenseiter. Ich war nicht willkommen.“ Kostedde erlebte oft Rassismus; als Profi in Offenbach wurde er im Hessen-Derby gegen Eintracht Frankfurt von Fans mit dem N-Wort beschimpft. Medial wurde er häufig als „brauner Bomber“ tituliert. Der Fußballer fühlte sich wie ein „Mensch zweiter Klasse“, wurde jedoch zum Vorreiter für viele andere Spieler, die in den kommenden Jahrzehnten folgen sollten – und auch in Zukunft noch folgen werden.