Hartmut Scherzer: Reporter-Legende reist zur WM 2026
Der legendäre Reporter Hartmut Scherzer aus Heusenstamm ist mit fast 88 Jahren erneut bereit, zur Fußball-Weltmeisterschaft zu reisen. Seit 1962 ist Scherzer in Chile bei jeder WM als Reporter vor Ort und hält damit einen Rekord. Am 7. Juni wird er von Frankfurt über New York nach Mexiko-Stadt fliegen, wo er sich für die Auftaktpartie zwischen Mexiko und Südafrika am 11. Juni im Aztekenstadion akkreditiert hat. Scherzer, der während des Turniers regelmäßig für unsere Mediengruppe berichten wird, blickt gespannt auf das Eröffnungsspiel. „Mexiko“, sagt er, „ist pure Nostalgie für mich.“ In der Arena, die bereits zum dritten Mal WM-Spiele ausrichtet, hat er einige denkwürdige Partien erlebt.
„Im Weltfußball gibt es vier Kathedralen“, erklärt Scherzer und zählt das Maracanã in Rio, das Camp Nou in Barcelona und das Wembley-Stadion in London dazu. „Aber das Aztekenstadion ist das ikonischste von allen. Hier fanden WM-Spiele und Szenen statt, die zu den größten Ereignissen im Weltfußball zählen, vor unfassbar vielen Zuschauern“, fügt er hinzu. Auf seinem Mobiltelefon hat er Fotos von den Tafeln in der renovierten Arena gespeichert, die an die großen Ereignisse erinnern. „Ich bin fasziniert von diesem Stadion und seiner Geschichte“, sagt Scherzer.
Am 17. Juni 1970 berichtete er vom „Jahrhundertspiel“ im Halbfinale zwischen Deutschland und Italien, das bei extremer Hitze stattfand. Italien führte 1:0, bis Karl-Heinz Schnellinger kurz vor Schluss ausglich. In der Verlängerung verlor Deutschland nach einem epischen Kampf mit 3:4.
Am 22. Juni 1986 erlebte er das Viertelfinale zwischen Argentinien und England (2:1). Diego Maradona erzielte nach einem unglaublichen Dribbling über 60 Meter das zwischenzeitliche 2:0 – das „WM-Tor des Jahrhunderts“. Vier Minuten zuvor hatte Maradona ein umstrittenes Tor erzielt, das der Schiedsrichter akzeptierte. Er sprach von der „Hand Gottes“, die den Ball über Torwart Peter Shilton ins Netz beförderte. Dieses Spiel im Aztekenstadion verfolgte Scherzer allerdings nur im Fernsehen, da er am Vortag in Monterrey beim Spiel Deutschland gegen Mexiko (4:1 im Elfmeterschießen) war.
Bei der WM 1986 lebten die deutschen Reporter unter einem Dach mit Teamchef Beckenbauer und seinen Spielern – heute unvorstellbar. „Es gab damals viel Streit zwischen den Bayern und der Kölner Fraktion. Wir haben sogar mitbekommen, wenn Spieler ausgebüxt sind. Uli Stein provozierte seinen Rauswurf, weil die Mannschaft bis zum Halbfinale gegen Frankreich schlecht spielte. Dass Deutschland im Finale gegen Argentinien mit 2:3 verlor, war in Ordnung“, erinnert sich Scherzer. Er war am 29. Juni 1986 beim Finale im Aztekenstadion dabei.
Scherzers Herz schlägt für Mexiko, während seine Begeisterung für Amerika begrenzt ist – unter anderem wegen Donald Trump. Scherzer, der einmal pro Woche im Boxtraining in Offenbach ist und mit den Klitschko-Brüdern befreundet ist, begegnete Trump erstmals in den 80er Jahren, als dieser Box-Promotor in Atlantic City war. „Er war damals schon ein Selbstdarsteller“, sagt Scherzer. „Ich hoffe, dass ich Trump bei der WM nicht begegnen werde.“
Am 13. Juni 2026 wird Scherzer, der mittlerweile in Houston, Texas, lebt, 88 Jahre alt. An diesem Tag findet die Pressekonferenz mit Bundestrainer Julian Nagelsmann vor dem deutschen WM-Auftakt gegen den Neuling Curaçao statt. Am 14. Juni, dem Spieltag der DFB-Auswahl, feiert zudem seine Frau Barbara ihren Geburtstag. Ein klarer Erfolg der DFB-Auswahl wäre das passende Geschenk, meint Scherzer.
Er plant, eine Woche in Houston zu bleiben, bevor er mit dem Bus nach Dallas fährt. Dort stehen Spiele wie England gegen Kroatien (17. Juni) und Argentinien gegen Österreich (22. Juni) auf seinem Programm. „England, ganz klar wegen Harry Kane. Er ist für mich ein heißer Kandidat für den Titel des WM-Torschützenkönigs. 1986 war es Gary Lineker, ebenfalls ein Engländer. Kane folgt in seinen Fußstapfen. Und die Argentinier als Titelverteidiger wegen Lionel Messi. Ich möchte ihn noch einmal spielen sehen, das ist meine Attraktion“, sagt Scherzer.
1994, bei der WM in den USA, sah er in der Arena in Dallas das 2:3 der DFB-Auswahl gegen Südkorea, inklusive des Skandals um Stefan Effenberg, der den deutschen Fans den Mittelfinger zeigte. Die Erinnerungen an Dallas sind nicht die besten. Das gilt auch für das Stadion in New Jersey, wo Scherzer live dabei war, als die deutsche Auswahl im Viertelfinale gegen Bulgarien (1:2) ausschied. Diesmal wird er über das Spiel Deutschland gegen Ecuador am 25. Juni berichten. „Das ist ein Schicksalsstadion für uns. Hoffentlich ist da nicht wieder Schluss“, sagt er.
Insgesamt prophezeit Scherzer: „Deutschland ist 2018 und 2022 frühzeitig heimgefahren. Ich erwarte, dass wir die Gruppenphase überstehen. Ich traue unserer Mannschaft gegen Gegner wie Curaçao, Elfenbeinküste und Ecuador das zu. Dann könnte sie laut Tableau auf Frankreich treffen – und da ist dann wirklich alles offen.“
Scherzer hat sich am 27. Juni zudem für das Spiel England gegen Panama angemeldet. Wie es danach für ihn weitergeht, ist noch nicht geplant und hängt auch vom Abschneiden der DFB-Auswahl ab.