Thomas Tuchel verteidigt Taktik nach Halbfinal-Aus gegen Argentinien

Thomas Tuchel verteidigt Taktik nach Halbfinal-Aus gegen Argentinien

Nach dem dramatischen Halbfinal-Aus gegen Argentinien hat Thomas Tuchel seine Taktik verteidigt und dabei überraschend deutliche Worte zur Fußballkultur seines Gastlandes gefunden.

Atlanta – Das Halbfinal-Aus bei der Fußball-Weltmeisterschaft ist den Three Lions noch immer schwer im Magen. Nach dem bitteren 1:2 gegen Titelverteidiger Argentinien, bei dem England eine Führung ab der 85. Minute verspielte, äußerte sich Nationaltrainer Thomas Tuchel erneut. In einem Interview mit dem englischen Sender Sky Sport News wich der Trainer kritischen Fragen, insbesondere zur defensiven Spielweise nach dem Führungstreffer, nicht aus.

Besonders auffällig war, dass Tuchel die Schlussoffensive der Argentinier nicht auf seine Aufstellung zurückführte, sondern auf eine grundlegende Schwäche im englischen Spiel. „Ballbesitz und Spielkontrolle liegen nicht in unserer DNA wie in der spanischen, argentinischen oder brasilianischen DNA“, erklärte der 52-Jährige. England sei zu passiv gewesen und habe den Gegner durch verlorene Zweikämpfe nicht vom eigenen Strafraum fernhalten können.

Das Team gab nach dem 1:0 durch Anthony Gordon in der 55. Minute das Spiel förmlich aus der Hand. Tuchel erklärte dies mit einem kollektiven Verlust des Momentums: Der Ballbesitz sei danach „dramatisch“ eingebrochen, und England habe sich immer weiter zurückziehen müssen. „Das war nie der Plan, aber es ist so passiert“, räumte er ein. Sein taktisches Eingreifen wäre in diesem Moment aussichtslos gewesen: „Mein Gefühl war, dass keine Spielordnung der Welt uns geholfen hätte.“

Besonders auffällig ist, dass Tuchels Erklärungen für das Ausscheiden eher die Mannschaft und die Dynamik der Schlussphase in den Mittelpunkt stellen, anstatt seine eigenen Entscheidungen zu hinterfragen. Bis zum Halbfinale war seine Bilanz außergewöhnlich: Seit seinem Amtsantritt im Januar 2025 blieb England unter ihm in Pflichtspielen ungeschlagen, nur zwei Testspiele gingen verloren. Diese Serie brachte ihm zuletzt eine historische Bestmarke unter Europas Nationaltrainern ein.

Der öffentliche Druck auf Tuchel wächst jedoch. England-Ikone Gary Lineker stellte im Podcast „The Rest is Football“ in Frage, ob der Deutsche der richtige Mann sei, um die Three Lions voranzubringen, begleitet von einem süffisanten Seitenhieb zur deutschen Fußballkultur. Auch der „am Boden zerstörte“ Wayne Rooney äußerte offene Kritik. Wie Tuchel mit dem wachsenden Gegenwind umgeht, wird den englischen Fußball weiterhin beschäftigen.

Obwohl Experten und die englische Presse ein vernichtendes Urteil fällten, erscheint es unwahrscheinlich, dass Tuchel als Trainer der Nationalmannschaft freigestellt wird. Laut The Athletic hätten sowohl der Verband FA als auch Tuchel die Möglichkeit auf eine Vertragsauflösung gehabt, wäre man vor dem Viertelfinale ausgeschieden. Da dies nicht der Fall war, dürfte eine Trennung kostspielig und daher wohl vermieden werden.

Trotz der großen Enttäuschung glaubt Tuchel „hundertprozentig“ daran, mit England noch einen großen Titel zu holen. „Es gibt noch genug, was wir verbessern können, und ich freue mich darauf, das tun zu können“, gibt er sich kämpferisch. Mit dem Spiel um Platz drei gegen Frankreich hat er bereits am Samstag die Gelegenheit, den ersten WM-Frust der Engländer zu vergessen und ein positiveres Stimmungsbild zu schaffen – auch in Bezug auf seine eigene Person.

Topics

Related news