US Nationalteam und die WM: Eine Chance für den Fußball
Die bevorstehende Weltmeisterschaft soll dazu beitragen, dass der Fußball in den USA mehr Beachtung findet – doch wie stark ist das Nationalteam der USA wirklich?
Früher war vieles einfacher. Karl-Heinz Granitza beantragte seine Einreise in die USA mit einer Notlüge, als der digitale Visaprozess noch nicht existierte. Er behauptete, seine Schwester sei bei einem Autounfall schwer verletzt worden, was jedoch frei erfunden war. Diese und andere Anekdoten erzählt der 74-Jährige in seinem Buch „King Bomber Karl – Wie der Deutsche Granitza mit Beckenbauer, Cruyff und Pelé den Fußball in den USA groß machte“. Granitza war der erste Profi, der in den USA 100 Tore und 100 Vorlagen erzielte. Als Spieler der Chicago Sting hinterließ er als deutscher Kicker einen bleibenden Eindruck in einem Land, das für den Fußball lange als Entwicklungsland galt.
Granitzka erinnert sich an Spiele auf „Kartoffelfeldern“, Bootsfahrten mit dem „Bomber“ Müller und gesellige Abende mit George Best. 2003 wurde er in die „National Soccer Hall of Fame“ aufgenommen, weil er maßgeblich dazu beigetragen hat, den Fußball aus dem Schatten von Basketball, American Football, Baseball und Eishockey zu holen. Zu diesem Zweck überzeugte US-Außenminister Henry Kissinger 1975 den Megastar Pelé, zu Cosmos New York zu wechseln. Zwei Jahre später folgte Franz Beckenbauer, und 1979 ließ sich auch Gerd Müller von den Fort Lauderdale Strikers verpflichten.
Die Weltstars mussten sich an neue Regeln gewöhnen, darunter eine eigene Abseitslinie und ein Elfmeterschießen nach einem Unentschieden. Dennoch stellte die Liga 1985 den Spielbetrieb ein, da nur noch zwei Teams bereit waren, teilzunehmen. Erst die Vergabe der WM 1994 an die USA sorgte für einen neuen Anstoß, da die FIFA nun eine Liga forderte, die 1996 als Major League Soccer (MLS) gegründet wurde.
Drei Jahrzehnte später zieht der Superstar Lionel Messi, der mit 39 Jahren auch außerhalb der Heimspiele von Inter Miami die Massen begeistert. Die Liga verzeichnet gute Besucherzahlen: Im Durchschnitt 23.234 Zuschauer pro Spiel, 3,7 Millionen Live-Zuschauer pro Woche über Streaming- und lineare Plattformen, sowie mehr als 13 Milliarden Aufrufe auf den sozialen Medien. Jetzt steht die WM bevor, bei der die USA als Hauptgastgeber auftreten und elf der 16 Spielorte stellen. „Für Soccer ist es jetzt eine große Chance, sich Basketball oder Football anzunähern“, sagt Thomas Müller von den Vancouver Whitecaps, der im Alltag auch Marco Reus (LA Galaxy) und Timo Werner (San José Earthquakes) begegnet.
Viel hängt – besonders aufgrund des amerikanischen Patriotismus – vom Abschneiden des US-Teams ab, das im Soldier Field von Chicago die WM-Generalprobe gegen Deutschland (Samstag, 20:30 Uhr MESZ/RTL) bestreitet. Das Viertelfinale gilt als Minimalziel für eine Mannschaft, in der die ehemaligen Bundesliga-Profis Christian Pulisic (AC Mailand) und Weston McKennie (Juventus Turin) zu den Stützen gehören. Man sagt, keine Generation sei so gut ausgebildet wie diese. Die US-Boys erreichten immerhin 2002 das Viertelfinale, wo sie unglücklich gegen Deutschland ausschieden. 2010, 2014 und 2022 war jeweils im Achtelfinale Schluss. Zuletzt gab es zwar einen Sieg gegen Senegal (3:2), zuvor jedoch acht Niederlagen gegen europäische Teams, einschließlich einer 2:5-Niederlage gegen Belgien und einer 0:2-Niederlage gegen Portugal im Frühjahr. Woher nimmt der aus Argentinien stammende US-Nationaltrainer Mauricio Pochettino die Zuversicht, vom Titel zu träumen?
Solche Hoffnungen erfüllten bislang nur die Frauen. Fünf Weltmeisterschaften seit 1991 haben Maßstäbe gesetzt. Kein Sport erfreut sich bei Frauen und Mädchen größerer Beliebtheit als der Fußball. Es könnte sein, dass der weibliche Anteil unter den Stadionbesuchern diesmal einen Rekordwert erreicht. Hier wachsen echte Vorbilder heran. Bei der WM 2019 in Frankreich wurde Megan Rapinoe nicht nur zur Ikone, sondern auch zur politischen Stimme, die Donald Trump offen die Stirn bot. Als sie bei der WM 2023 im Elfmeterschießen scheiterte, äußerte Trump auf seiner Plattform: „Guter Schuss, Megan, die USA fahren in die Hölle.“ Seitdem sind die US-Girls bei vielen noch beliebter geworden.
Deutsche Nationalspielerinnen in der US-Profiliga NWSL spüren, dass die Frauen in Nordamerika – einschließlich Kanada – anders als in Europa nicht nur Anhängsel im Fußballkosmos sind. Melissa Kössler, die im Winter zu Denver Summit gewechselt ist, schwärmt von „Gleichberechtigung bei riesiger Sportbegeisterung“. Kathrin Hendrich hat bei den Chicago Stars die „guten Zuschauerzahlen und top Bedingungen“ erlebt und ist überzeugt, dass „wir uns auf ein tolles Turnier freuen können. Eine WM ist etwas Riesengroßes und im Allgemeinen wird in Amerika jede Sportart gefeiert.“