Analyse der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM
Deutschland hat seine ersten beiden WM-Spiele gewonnen, jedoch bleibt das DFB-Team in seiner Spielweise zu berechenbar. Julian Nagelsmann steht vor der Herausforderung, diese Situation zu analysieren, wie Marcell Jansen in seiner Kolumne für Absolut-Fussball erläutert.
In Winston-Salem hat Deutschland erstmals seit 2014 wieder die K.o.-Phase einer WM erreicht, und das verdankt man Deniz Undav, der bisher lediglich als Joker von der Bank überzeugen konnte. Die Diskussion um die deutsche Aufstellung bei der WM ist verständlich und gerechtfertigt. Ein bloßer Personalwechsel in der Startelf wird jedoch nicht ausreichen.
Bei der Betrachtung der Spielerprofile im Kader für die WM 2026 komme ich zu dem Schluss, dass ein 3-5-2-System oder eine ähnliche Grundordnung der Mannschaft sehr zugutekommen würde. Dies beginnt bereits in der Viererkette. Auf der linken Seite verfügen wir mit Raum und Brown über Außenverteidiger, die sowohl defensiv als auch offensiv stark sind und über Tempo, Physis sowie Technik verfügen. Auf der rechten Seite fehlt uns derzeit ein Spieler dieses Typs.
In der Innenverteidigung haben wir mit Tah, Schlotterbeck, Thiaw, Rüdiger und Anton starke Spieler, die sich in einer Dreierkette wohlfühlen. Dies würde Stabilität und Kopfballstärke bieten und auch bei Standardsituationen mehr Präsenz schaffen. Gegen physisch starke Gegner ist dies ein echter Vorteil.
Als Schienenspieler auf der rechten Seite könnten Leweling oder Beier eingesetzt werden. Beide sind keine klassischen Rechtsverteidiger, aber sie passen gut in eine Fünferkette. Auf der linken Seite haben wir mit Brown und Raum Spieler, die diese Rolle ebenfalls gut ausfüllen können. Diese Formation würde uns mehr Breite, Tiefe und gleichzeitig eine bessere Absicherung bieten.
Das 3-5-2-System eröffnet zudem mehr Möglichkeiten im Angriff. Kimmich könnte wieder auf seiner Stammposition im zentralen Mittelfeld spielen, flankiert von Pavlovic und einer offensiveren Acht wie Nmecha. Alternativ könnten auch Musiala und Wirtz als zwei offensivere Achtern agieren. Wer letztendlich spielt, ist für mich nicht entscheidend. Eine veränderte Grundordnung würde uns mehr Flexibilität bieten und die vorhandenen Spielerprofile besser zur Geltung bringen.
Ein zentraler Punkt ist jedoch die Besetzung des Strafraums. Mit Havertz als einzigem Zielspieler tun wir uns gegen starke Gegner schwer. Dies zeigte sich bereits in einzelnen Phasen der bisherigen Spiele. Wenn viele Spieler in ähnliche Räume einrücken, wird es im Zentrum schnell eng, und die Präsenz im Strafraum fehlt oft.
In den vergangenen Partien haben wir gesehen, dass eine gute Flanke aus dem Halbfeld nur dann Gefahr ausstrahlt, wenn mehrere Spieler gleichzeitig die Box besetzen. Genau dieser zweite Stürmertyp würde uns zusätzliche Optionen bieten. Gegen schwächere Gegner ist dies weniger entscheidend, doch gegen Topmannschaften, bei denen Kleinigkeiten über den Weiterkommen oder das Ausscheiden entscheiden, kann dies ein wichtiger Faktor sein.
Mit zwei Stürmern hätten wir deutlich mehr Varianten. Havertz könnte neben Undav oder Woltemade spielen. Dies würde nicht nur die Box besser besetzen, sondern auch das Pressing beeinflussen und uns insgesamt flexibler machen. Es geht mir nicht um die vermeintlich besten elf Einzelspieler, sondern um die elf Profile, die auf dem Platz am besten zueinanderpassen. Genau darin liegt für mich der entscheidende Unterschied.
Vielleicht gibt es im letzten Gruppenspiel die Möglichkeit, eine solche Variante zumindest phasenweise zu testen. Die Zeit drängt. Mein Eindruck ist, dass wir derzeit noch zu stark versuchen, die individuell besten Spieler gleichzeitig auf den Platz zu bringen. Die entscheidende Frage ist jedoch nicht, wer die besten Einzelspieler sind, sondern welche Profile zusammen die beste Mannschaft ergeben. Dort sehe ich aktuell den größten Hebel.