Herausforderungen für den neuen Sportchef von Borussia Mönchengladbach
Borussia Mönchengladbach ist auf der Suche nach einem Nachfolger für Roland Virkus, der seit Februar 2022 im Amt war. Der neue Sportchef sieht sich zahlreichen Herausforderungen gegenüber.
Die Trennung von Gerardo Seoane und Roland Virkus war eine logische Konsequenz aus dem schleichenden sportlichen Niedergang des Vereins. Seit dem 29. März hat die Mannschaft in der Bundesliga kein Spiel gewonnen. Der Saisonstart verlief katastrophal, mit einer 0:4-Niederlage gegen Werder Bremen und einem 4:6 gegen Eintracht Frankfurt. Nach fünf Spieltagen belegt die Mannschaft den letzten Platz.
Interimstrainer Eugen Polanski hat seit dem vierten Spieltag das Vertrauen der Verantwortlichen und wird voraussichtlich bis zur Ernennung eines neuen Sportchefs im Amt bleiben. Dieser wird entscheidend für die zukünftige Ausrichtung der Fohlen-Elf sein. Die Verantwortlichen am Niederrhein haben bereits priorisiert, wie die Herausforderungen angegangen werden sollen.
Der Nachfolger von Virkus wird sich mit mehreren Baustellen auseinandersetzen müssen. Laut dem Fußball-Portal Absolut Fussball gibt es sechs zentrale Aufgaben für den zukünftigen Sportchef, die darauf hinweisen, dass sportlich einiges im Argen liegt.
Eine der Hauptaufgaben wird es sein, eine klare Spielidentität zu entwickeln, die unter dem ehemaligen Sport-Geschäftsführer nur bedingt vorhanden war. Nach der Trennung von Adi Hütter im Sommer 2022 versuchte der Verein mit der Verpflichtung von Daniel Farke, von einem aggressiven Pressing zu einem Ballbesitzspiel zu wechseln. Nach dem Farke-Aus im Jahr 2023 kam erneut ein Stilwechsel, als Seoane verpflichtet wurde, der ein schnelles und vertikales Umschaltspiel bevorzugte. Trotz seiner Bemühungen um verbesserten Ballbesitz war Gladbach vor allem durch die Schnelligkeit von Franck Honorat und die Flanken von ihm sowie Robin Hack gefährlich.
Aufgrund der Entwicklung der fußballerischen Identität ist eine Entscheidung in der Trainerfrage erforderlich. Passt Polanski, der Wert auf Ballbesitz legt, zu den Vorstellungen des neuen Sportchefs? Ist er in der Lage, sich in der Bundesliga zu behaupten? Sollte eine Trennung notwendig werden, muss ein Trainer gefunden werden, der zur Linie des Nachfolgers passt.
Die dritte Herausforderung besteht darin, eine Balance im Kader herzustellen. Gladbach hat ein Überangebot an zentralen Mittelfeldspielern, während ein Innenverteidiger, ein erfahrener Linksverteidiger und eine Alternative zu Joe Scally auf der rechten Abwehrseite fehlen – wobei Kevin Diks diese Lücke schließen könnte.
Auf den Flügeln mangelt es an Breite, da lediglich drei nominale Außenbahnspieler – Honorat, Hack und Nathan Ngoumou – zur Verfügung stehen. Zudem fehlt es an einem Spieler, der im Eins-gegen-eins stark ist und dribbelstarke Qualitäten mitbringt. Perspektivisch muss auch eine Lösung für den verliehenen Tomáš Čvančara und den von 1899 Hoffenheim ausgeliehenen Haris Tabaković gefunden werden.
Im Rahmen der Kaderplanung muss zudem die Personalkosten weiter gesenkt werden. Virkus hat in den letzten Jahren Schritte in die richtige Richtung unternommen, etwa durch den Verkauf von Ko Itakura, Alassane Pléa und Julian Weigl, die alle in der höheren Gehaltsklasse anzusiedeln sind. Dennoch sind geringere Gehaltsausgaben wünschenswert.
Der neue Sportchef muss auch mit den finanziellen Mitteln des Vereins haushalten können. Obwohl Borussia Mönchengladbach bereit ist zu investieren, möchte der Verein sich nicht übernehmen. Es soll vermieden werden, dass teure Transfers, die sich sportlich nicht auszahlen, in eine Negativspirale führen, aus der sich beispielsweise der Hamburger SV viele Jahre lang herauskämpfen musste.
Besonders kritisch ist, dass die teuren Investitionen aus der Virkus-Ära kaum Ertrag gebracht haben. Tomáš Čvančara kostete 10,5 Millionen Euro, Nathan Ngoumou, der acht Millionen Euro kostete, ist bislang nur ein Backup, und der neun Millionen Euro teure Transfer von Jonas Omlin war von vielen Verletzungen geprägt.
Die sechste Herausforderung besteht darin, mit der Größe des Vereins umzugehen. Die Jubiläumsfeier im August hat die Strahlkraft von Borussia Mönchengladbach verdeutlicht, doch in Krisenzeiten kann das große Fan-Umfeld zur Belastung werden, da schnell Unruhe aufkommt.
Seoane und Virkus mussten dies am eigenen Leib erfahren. Insbesondere der Trainer wurde während seiner Amtszeit mehrfach ausgepfiffen, und Virkus hatte von Anfang an einen schweren Stand, als er gegen Frankfurt mit „Virkus raus“-Rufen konfrontiert wurde. Neu-Coach Polanski hingegen ist ein Publikumsliebling, was den Einstieg als Sportchef nicht einfacher macht.
Es bedarf einer Mischung aus Fingerspitzengefühl und Aufbruchstimmung, um die Gladbacher Fans für sich zu gewinnen. Viele fühlten sich in der Vergangenheit nicht ernst genommen oder gehört. Ein weiterer Kritikpunkt war, dass wenig Ambitionen ausgestrahlt wurden. Wenn es dem Nachfolger von Virkus gelingt, all diese Herausforderungen zu meistern, könnte er bereits viel Kredit gewinnen.